Glück, Aura, Wasen: Kerstin Sander über den Topspiel-Sieg und ihr erstes Jahr in Nürtingen

Kerstin Sander TG Nürtingen

Kerstin Sander und Co. haben durch den Sieg gegen Tabellenführer HC Leipzig den Rückstand auf die Füchse Berlin bei zwei Punkten gehalten. Platz zwei berechtigt zur Teilnahme an der Relegation. Foto: Marco Schultz

Die TG Nürtingen besiegt im Spitzenspiel der 2. Handball Bundesliga der Frauen den HC Leipzig mit 32:29. Einen wichtigen Anteil daran hatte Kerstin Sander, die als Spielerin des Spiels ausgezeichnet wurde. Die nur 1,73 Meter große österreichische Nationalspielerin blickt auf einen besonderen Abend zurück – und wundert sich über die Sprache im Schwabenland.

Kurz vor der Halbzeit schien das Zweitliga-Spiel zwischen der TG Nürtingen und dem HC Leipzig zu kippen. Auch aufgrund einer Überzahlsituation glich der HCL einen 8:11-Rückstand aus. Die Neu-Nationalspielerin Jana Walther trat nun an die Linie und hatte die Möglichkeit, ihre Mannschaft aus sieben Metern erstmals in Führung zu bringen. TGN-Torhüterin Kerstin Sander hatte allerdings etwas dagegen. Kerstin Sander ahnte die Ecke, war zur Stelle und parierte den Wurf.

Es war symptomatisch für einen Abend, an dem Sander nicht wie von einem anderen Stern spielte, aber immer da war, wenn sie gebraucht wurde. Somit wurde sie dann nach dem Spiel zurecht als Spielerin des Spiels ausgezeichnet. Laut Statistik auf der Liga-Webseite kam sie auf zehn Paraden, darunter drei Siebenmeter – im Livestream war sogar von zwölf die Rede.

Über Glück und Aura

„Ein paar Bälle habe ich jedenfalls gehalten“, scherzt die gutgelaunte Sander am Tag danach. Zwar verlor die Österreicherin im Laufe des Spiels etwas den Zugriff, doch sie konnte sich auf eine starke Defensive verlassen. „Die Abwehr stand gestern richtig top. Es kamen nicht unbedingt richtig schwere Würfe auf mein Tor“, gibt Sander zu, die sich unter anderem auf die defensivstarke Rückkehrerin Michelle Schäfer verlassen konnte.

Einziger kleiner Kritikpunkt: Leipzig kam zu zehn Siebenmetern, von denen Sander allerdings drei parierte. „Ich hatte ein bisschen Glück, dass ich an ein paar rangekommen bin“, meint die Wienerin bezogen auf ihre nur 1,73 Meter Körpergröße. Glück, wirklich? „Vielleicht war es auch ein bisschen Aura“, fügt Sander schmunzelnd an. 

Variable Offensive

Neben der sehr offensiv agierenden Defensive funktionierte auch die Offensive der TG Nürtingen im Spitzenspiel hervorragend. Während man in der Anfangsphase noch vom ein oder anderen Ballverlust der Leipzigerinnen profitierte, wurden im weiteren Verlauf auch die Positionsangriffe besser. Spielmacherin Lisa Fuchs hatte eine gute Verbindung zu Kreisläuferin Nira Erhardt, die mit sieben Toren beste Werferin war. Eine gute Leistung zeigte auch Rechtsaußenspielerin Maileen Seeger, die sechs von acht Würfen im Tor versenkte. Ohnehin suchten die Nürtingerinnen gerne das Spiel über außen, was in der ersten Halbzeit zu einigen Würfen aus spitzem Winkel führte, generell aber die kompakte Defensive des HCL gut funktionierte. „Unser Zusammenspiel hat mir in diesem Spiel besonders gut gefallen. Es zeichnet uns bereits die ganze Saison aus, dass sich jeder beteiligt“, meint Sander.

Zweikampf auf der Torwartposition

Dies gilt auch für die Position der Torfrau, auf der sich Sander mit Sophie Leenen abwechselt. Zum Saisonstart stand zunächst Sander meist im Kasten, was für Leenen „nicht weiter schlimm“ war. Auch weil Leenen mit ihren 1,8 Metern ein ganz anderer Spielertyp als die deutlich kleinere Sander ist. „Es ist super gegnerabhängig“, sagt Leenen. Sander erklärt: „Wir sind recht unterschiedlich. Wenn es bei der Einen nicht funktioniert, funktioniert es daher meistens bei der anderen.“ Sie selbst sei möglicherweise die „flinke, explosivere“ Torhüterin. „Vielleicht bin ich auch etwas verrückter.“ Sophie Leenen hat dafür das klassischere Torwartspiel und mehr Reichweite. Weil die beiden auch in den Bereichen Stellungsspiel und Timing sehr unterschiedlich sind, so erklärt es Leenen, habe man auf jeden Gegner eine Antwort.

Schock in Kreuzlingen

Insbesondere mit einer „sehr krassen Atmosphäre“ im Rücken, wie Sander die Stimmung in der Sportlastic-Arena beschreibt. Die Österreicherin ist eine solche Stimmung in der Halle von früheren Vereinen nicht gewohnt, wie sie zugibt. Sie kam relativ spät zum Handball, 13 oder 14 Jahre sei sie alt gewesen, als sie beim Wiener Verein DHC WAT Fünfhaus mit dem Sport begann. Der Rekordmeister Hypo Niederösterreich verpflichtete Sander, sie durchlief die österreichischen Jugendnationalmannschaften.

Es folgte ein Wechsel zum HSC Kreuzlingen, mit dem sie sogar im Europapokal spielte. Dann der Schock: Kreuzlingen musste die Frauen-Mannschaft aus finanziellen Gründen aus der ersten Liga abmelden. „Das war tatsächlich ein Riesenschock. Ich hatte mich dort erst eingelebt und Freunde gefunden“, so Sander, die in Konstanz Mathematik und Sport auf Lehramt studiert. 

Angekommen

Ihre Positivität hat sie aber nicht verloren: „Im Nachhinein war es vielleicht ganz gut, nochmal die Komfortzone zu verlassen.“ Aufgrund ihrer guten Leistungen wurde Sander im März erstmals in die österreichische Nationalmannschaft berufen. In der Sport Arena Wien verlor die Alpenrepublik mit 24:34 gegen Spanien, doch es gab einen neuen Zuschauerrekord: 2541 Fans sorgten für „pure Gänsehaut“ bei Sander.

Mit Gänsehaut kennt sie sich aus, diese habe sie auch beim 37:35-Sieg in der 1. Runde des DHB-Pokals gegen den Erstligisten TuS Metzingen gehabt. „Dieses Jahr verläuft wahnsinnig toll“, bilanziert sie. Wenn sie darüber redet, wie viele Zuschauer in die Halle kommen und wie familiär die Stimmung dennoch sei, dann erwischt man sich bei dem Gedanken, dass Sander in Nürtingen angekommen ist.

Die „Kulturen und die Sprache“ seien in den verschiedenen DACH-Ländern allerdings durchaus unterschiedlich. „Man denkt, mein Gott, wir reden doch eh alle Deutsch. Aber es ist doch einiges anders, auch wenn das im ersten Moment nicht auffällt.“ Bräuche wie den Cannstatter Wasen habe sie bereits kennengelernt. Als sie im Zuge ihres Praktikums an einem Nürtinger Gymnasium herausfand, dass Lehrer in Deutschland nicht mit „Professor“ angesprochen werden, war sie dann aber doch verwundert. Erstaunt nahm sie auch zur Kenntnis, dass das „Fenster“ bei den Schwaben zum „Fenschter“ wird. Vielleicht braucht sie doch noch etwas Zeit zur Integration. 

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