Warum das Spitzenspiel TG Nürtingen gegen HC Leipzig zum Psychospiel werden könnte

Sophie Leenen TG Nürtingen

Sophie Leenen (Nummer 33) bildet bei der TG Nürtingen zusammen mit Kerstin Sander ein Torhütergespann. Zuletzt bekam sie meist den Vorzug vor Sander, eine klare Nummer eins gibt es aber nicht. Foto: Marco Schultz

Sophie Leenen, 24 Jahre alt, studiert in Stuttgart Wirtschaftspsychologie. Die Torhüterin der TG Nürtingen gibt vor dem Spitzenspiel der 2. Handball Bundesliga Frauen gegen den HC Leipzig tiefe Einblicke in die Psychologie des Handballspiels, redet aber auch über Kaffee, Bolognese und Fußball. Und ja: Es geht auch um das Topspiel.

41 Minuten waren gespielt im Spitzenspiel der 2. Handball Bundesliga der Frauen zwischen dem HC Rödertal und der TG Nürtingen. Die TGN, die bereits am vorangegangenen Spieltag mit 28:36 gegen den ESV 1927 Regensburg verloren hatte, lag mit 18:22 in Rückstand. Es drohte ein herber Rückschlag im engen Aufstiegsrennen der 2. HBF. Wie behält man in einer solchen Situation die Ruhe?

„Das ist eine gute Frage“, sagt und lacht Sophie Leenen. Die 24-jährige Torhüterin der TG Nürtingen, die seit Oktober 2024 in Stuttgart ein Master-Studium in Wirtschaftspsychologie absolviert, gewann das Spiel in Rödertal mit ihrer Mannschaft noch mit 32:31. Sie ergänzt: „Im besten Fall hast du dann immer ein, zwei Spielerinnen, die in solchen Situationen einen kühlen Kopf bewahren können und sich dann vielleicht mal das Herz nehmen und das Tor werfen oder den Ball hinten halten.“  Das könne für den berühmten Ruck in der Mannschaft auslösen. Dieser im Saisonverlauf erlernte Kampfgeist war auch im Spiel gegen Rödertal zu sehen. 

Sie machen immer weiter. Am kommenden Samstag (19.30 Uhr) kommt es zum nächsten Topspiel gegen Tabellenführer HC Leipzig. Die Erkenntnisse aus dem Spiel gegen Rödertal werden mitgenommen: „Man hat auf jeden Fall gesehen, dass ein Spiel erst zu Ende ist, wenn 60 Minuten rum sind “, so Leenen. Die Torhüterin erwartet von ihrer Mannschaft gegen die starke Offensive der Sächsinnen viel Gegenwehr. Im Angriff gelte es „mit einer gewissen Cleverness“ die Angriffe auszuspielen und sich nicht stressen zu lassen.

Anspannung, Psychospiele, Intuition

Und was macht der Kopf? Nervosität kommt bei Leenen, die bereits in der Jugend vom HSC Radolfzell zum SV Allensbach wechselte, auch vor einem so wichtigen Spiel nicht wirklich auf. Die Anspannung und die Vorfreude sei allerdings schon „ein bisschen größer“ als vor anderen Spielen. „Wir freuen uns alle drauf. Es ist einfach ein geiles Spiel“, betont Leenen. 

Im Spiel will sie dann in erster Linie ihrer Intuition folgen, denn es habe auch schon Spiele gegeben, in der ihr die Videoanalyse im Spiel „unnötig“ angefühlt habe: „Ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass das Gefühl der beste Ratgeber ist im Tor.“ Es kann aber auch eine Option sein, die präferierte Ecke der Werferin zuzumachen, um in den Kopf dieser zu kommen. Denn am Ende ist es auch ein psychologisches Duell zwischen Werferin und Torhüterin, weshalb sich viele Torhüterinnen für psychologische Themen interessieren, darunter auch Joelle Arno, die Torhüterin des ESC Regensburg.

Psychospiele als entscheidendes Mittel? „Ich glaube, man kann viel damit erreichen. Man kann Spielerinnen vor Aufgaben stellen“, glaubt Leenen. „Das ist das, was das Torwartspiel auch ausmacht, zu sagen: Ok, was kann ich machen, damit eine Spielerin vielleicht eine Sekunde länger nachdenkt, bevor sie wirft.“ Im Spiel vergesse man allerdings aber auch vieles, wie die 24-Jährige zugibt. 

Kaffee, Bolognese und Fußball

Von entscheidender Bedeutung ist zudem der Fokus auf den Moment. Manchen Sportlern hilft eine feste Routine, um diesen Fokus zu erlangen beziehungsweise ihn zu bewahren. „Jeder hat seine ganz eigene Routine. Ich habe allerdings nicht wirklich eine feste Routine“, gibt Leenen preis. Sie sei keine Spielerin, die sich vor einem Spiel „dreimal“ im Kreis drehen müsse, wie das bei anderen Spielerinnen teilweise der Fall sei. Allerdings gehe sie vor Spielen gerne mal im kleinen Kreis einen Kaffee trinken. Die Mannschaft isst vor dem Spiel Bolognese. Zur Routine für einen Teil der Mannschaft gehört auch, dass vor dem Warmmachen Fußball gespielt wird.

Während man im Fußball als Torfrau in einem durchschnittlichen Spiel ein oder zwei Gegentore hinnehmen muss, sind es im Handball 25 bis 30, in der Männerbundesliga sind es in der aktuellen Saison sogar knapp 31. Mentale Nackenschläge ohne Ende, mag man meinen. „Ich bin eigentlich immer froh, dass ich nicht im Fußballtor stehe“, meint Leenen dennoch. „Dort hat man nur zwei oder drei Schüsse im Spiele und die sind spielentscheidend.“ Im Handball gebe es hingegen die Möglichkeit nach jedem Ball direkt etwas besser zu machen. „Das macht es ein stückweit einfacher.“

Trotz der vielen Möglichkeiten sich auszuzeichnen, haben aber auch Handballtorhüter schlechte Tage. Wie geht man am Besten damit um? „Da hilft mir die Mannschaft extrem, weil es Freunde sind. Dann ist es meistens dann doch ganz witzig. Ich gehe aus jedem Training raus und denke, es war doch ganz okay und es hat Spaß gemacht“, sagt Leenen.

Kopfsache?

Sie ist froh, dass psychologische Themen immer mehr thematisiert werden, findet aber: „Ich glaube, man könnte immer noch mehr darüber sprechen. Gerade der Leistungssport kann super anstrengend sein für die Psyche und kann einen ziemlich viel mitnehmen. Manche lernen es besser und manche lernen es schlechter, damit umzugehen.“ Jeder habe seinen eigenen Weg dafür. „Ich bin auch erst 24, das ist kein Alter. Was ich lernen durfte in meiner Karriere ist, dass es immer weiter geht. Egal wie schlecht es läuft, weitermachen hilft immer. Gucken, was das nächste Training, was das nächste Spiel bringt und daran wachsen.“ Wichtig sei aber auch, sich rechtzeitig Hilfe zu suchen, falls dies nötig ist.

Für Leenen geht es in der kommenden Saison aller Voraussicht nach bei der TG Nürtingen weiter, sie hat ihren Vertrag bis 2027 verlängert: „Es passt einfach alles. Die Mannschaft ist super. Wir halten zusammen. Es macht einfach Spaß. Die Auswärtsfahrten sind immer wie kleine Klassenfahrten, sagen wir immer. Anders würde es auch nicht klappen, wenn du so weit fährst.“

Führt die Reise der TG Nürtingen dann sogar in die Bundesliga? Leenen, die diese Frage schon sehr oft gehört hat, muss erst einmal tief durchatmen: „Puh, ich kann´s dir nicht sagen. Es gibt drei Mannschaften auf ähnlichem Niveau, die um den Aufstieg spielen.“ Am Ende könnte also einmal mehr der Kopf entscheiden.

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