Nils Röller: Der emotionale Anführer des HSC 2000 Coburg

Nils Röller HSC Coburg

Nils Röller bezeichnet sich selbst als „sehr emotionalen Spieler“. Das Bild spricht für sich. Foto: Svenja Sommer

Vom Kindheitstraum Bundesliga über bittere Verletzungs-Rückschläge bis hin zum emotionalen Anführer in Oberfranken: Der Weg von Nils Röller verlief alles andere als geradlinig. Warum der wuchtige Kreisläufer sich trotz Erstliga-Erfahrung nicht als Bundesliga-Spieler sieht und warum er beim HSC jetzt genau am richtigen Ort ist, erzählt er im Porträt.

Wer das Profil von Nils Röller vom HSC 2000 Coburg auf der offiziellen Webseite der 2. Handball Bundesliga aufruft, der muss zweimal hinschauen. Klar, Nils Röller ist ein sehr physischer Kreisläufer, der sich durchzusetzen weiß und aufgrund seiner Position im Kraftraum logischerweise etwas anders trainiert als beispielsweise die Außenspieler. Aber 110 Kilogramm? „Das Gewicht stimmt nicht ganz“, sagt Röller und verweist auf die Webseite des Vereins. Dort sind 125 Kilogramm angegeben.

Auch Röller weiß, dass er als Kreisläufer eine gewisse Masse benötigt, um sich durchzusetzen: „Du brauchst für dich einfach ein gutes Gewicht zur Schnelligkeit. Als stärkerer, schwerer Kreisläufer ist es natürlich meistens einfacher im Angriffsspiel, um Sperren zu stellen oder ähnliches.“ In der Abwehr könne das Gewicht allerdings ein Nachteil sein. Bei Röller ist dies allerdings nicht erkennbar, HSC Coburg-Geschäftsführer Jan Gorr sieht sogar eine „enorme Präsenz“, die Röller in der Deckung ausstrahlt. Was auch am funktionierenden System liegt. Coburg agiert defensiv mit drei Kreisläufern. Der Innenblock wirkt entsprechend massiv.

Gespür für Momente

Als Kreisläufer kommt es auf mehr an als nur die Physis. Röller ist ein Spieler, der im Abschluss „sehr überlegt“ agiert, so Gorr, und der „mit einem guten Gespür für die Spielsituationen“ ausgestattet ist. Wer Röller beobachtet, der sieht, dass er gerne zum Heber über den Torhüter ansetzt, doch dies ist nur eine seiner Varianten. Je nach Spielzug geht es für ihn darum, den Körperkontakt zum Gegner zu suchen und sich physisch durchzusetzen oder sich vom Gegner abzusetzen. Oftmals stellt er Sperren, um seine Mitspieler in Szene zu setzen. Er erledigt seine Aufgaben, aber: „Was dann passiert, ist relativ instinktiv.“  Grundsätzlich gilt: Es geht für ihn darum, freie Räume zu erkennen, die Gegner zu sehen oder zumindest zu spüren, um dann freie Räume für sich selbst oder seine Mitspieler zu kreieren.

Dass Röller dieses dafür nötige Gespür für die Spielsituationen entwickelt hat, liegt sicherlich auch daran, dass er bereits in jungen Jahren mit dem Handball in Kontakt gekommen ist, bei der TSG Mutterstadt, südwestlich von Mannheim gelegen, war das. Seine Mutter hat seinen zwei Jahre älteren Bruder Lars, der ebenfalls Kreisläufer ist und aktuell für die Eulen Ludwigshafen spielt, zu den Minis gebracht. „Dann hat sie mich halt mitgenommen. Ich bin da dann ein bisschen rumgesprungen, war bei den Älteren dabei“, so Röller, der beim Handball blieb und in Mutterstadt hin und wieder die Möglichkeit bekam, im älteren Jahrgang mitzuspielen.

(K)ein Bundesliga-Spieler

Der 24-Jährige ging seinen Weg, holte 2019 Silber bei der U19-Weltmeisterschaft, schaffte über die TSG Haßloch und den TuS KL-Dansenberg den Sprung zum TVB Stuttgart in die Bundesliga. Wobei dieses Engagement in der Landeshauptstadt Röller aufgrund einer Verletzungswelle auf der Kreisläuferposition „relativ spontan“ zustande kam. Durch den Wechsel von Alex Schulze von Dansenberg nach Stuttgart waren die Verbindungen ohnehin da, was bei seinem Wechsel dann auch eine Rolle gespielt haben mag, wie Röller durchklingen lässt.

Nach dieser Saison bot sich ihm allerdings die Möglichkeit, zu Frisch Auf! Göppingen zu wechseln, wo er als dritter Kreisläufer eingeplant war. Mit einem Doppelspielrecht ausgestattet lief er während seiner beiden Saison in Göppingen auch für den Drittligisten VfL Pfullingen auf. Doch er musste auch einige Rückschläge verkraften. Während seiner ersten Saison in Göppingen erlitt er zwei Verletzungen. Im zweiten Saisonspiel mit dem VfL Pfullingen zog er sich einen Außenbandriss und ein Knochenödem zu. „Durch das Knochenödem hat sich das sehr lange gezogen, ich war dann knapp drei Monate raus.“ Es folgte die Winterpause und kurz danach eine Daumenverletzung, die Röller weitere drei Monate aus dem Spielgeschehen riss.

„Das hat natürlich auch dazu geführt, dass ich mich nicht ganz so gut weiterentwickeln konnte“, gibt Röller zu. Trotz einiger Einsätze – inklusive eines Spiels in der European League bei RK Nexe Našice, schaffte Röller den ganz großen Durchbruch in der Bundesliga nicht. „Es war natürlich immer ein Kindheitstraum in der Bundesliga zu spielen, ist auch jetzt immer noch der Traum beziehungsweise das Ziel“, betont Röller. „Ich würde mich aber jetzt auch nicht als Bundesliga-Spieler bezeichnen, weil ich vielleicht bei 30 Spielen im Kader war, aber dafür wahrscheinlich nur 200 Spielminuten gespielt habe.“ In der offiziellen Liga-Statistik stehen 13 Tore in 27 Spielen für Frisch Auf! Göppingen.

Brüder-Duelle

Weil die erfahrenen Kräfte in Göppingen meist gesetzt waren, wechselte Röller zum HSC 2000 Coburg in die 2. HBL. In der Liga trifft er nun auf seinen Bruder: „Mir ist es als jüngerer Bruder schon auf jeden Fall noch wichtiger zu gewinnen. Ich bin da eher von Emotionen geleitet nach dem Spiel oder während dem Spiel, da ist Lars ruhiger. Was natürlich nicht bedeutet, dass die beiden Brüder verfeindet sind. Sie reden zu Hause gerne über ihre Handballspiele und analysieren ein bisschen die Gegner. Man sei „relativ offen“ im Austausch.

Kreisläufer im Fokus

Vielleicht auch deshalb zeigt die aktuelle Formkurve von Nils Röller nach oben, in der aktuellen Saison hat er bereits 76 Tore geworfen. Obwohl er im Saisonverlauf einen Durchhänger hatte, der aber eher als normale Formschwankung einzuordnen ist, attestiert sich der 24-Jährige eine „ziemlich gute Saison“. Hilfreich ist, dass Trainer Anel Mahmutefendic das Kreisläuferspiel forciert. Er lässt in der aktuellen Verletztenmisere gerne auch Sieben-gegen-Sechs spielen, was dann für Röller bedeutet, dass er mit Bartłomiej Bis ein Kreisläuferduo bildet. Ein präferiertes Spielsystem hat Röller allerdings nicht, denn er freut sich einfach über die viele Spielzeit, die er bekommt und über die stabile Saison, die der Verein trotz der erwähnten Verletzungen spielt.

Emotionaler Anführer

Das gute Gesamtpaket inklusive guter Teamchemie führte dazu, dass Nils Röller seinen Vertrag beim HSC Coburg Anfang des Jahres bis 2028 verlängert hat. „Ich bin aktuell auf einem guten Weg, mich in Coburg noch einmal weiterzuentwickeln und der Verein hat ja perspektivisch auch das Ziel, in die erste Bundesliga aufzusteigen. Da stehen wir jetzt und arbeiten daran beschreibt Röller die aktuelle Situation.

Röller hat daran gearbeitet, sich von negativen Momenten nicht mehr ganz so sehr herunterziehen zu lassen, wie in der Vergangenheit. Mit seiner emotionalen Art versucht er aber auch weiterhin sich und seine Mitspieler anzutreiben. „Das wurde mir auch gesagt, dass das auch ein Teil meiner Aufgaben ist, voranzugehen. Das mache ich sehr, sehr gerne“, so Röller.

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