Neuroathletik im Handball: Was steckt hinter dem Trainingsansatz und wie effektiv ist er?

Partricia Link Neuroathletiktraining

Mit einem sogenannten VOR-Chart können  Gleichgewichtsreflexe zur Prävention von Verletzungen trainiert werden. Foto: Manu Buschendorf

Trotz zweier Schulterverletzungen spielte Patricia Link in der 2. Bundesliga beim TSV Haunstetten. Auf der Suche nach einer Lösung für ihre Schmerzen stieß die Physiotherapeutin durch einen Fachartikel auf die Neuroathletik. Heute bringt sie diesen Ansatz selbst in die Hallen. Was steckt hinter der Methode, welche Übungen kommen zum Einsatz und was sagt die Wissenschaft dazu?

Während einer DHB-Sichtung kugelte sich Patricia Link die Schulter aus. Die Physiotherapeutin und Neuroathletiktrainerin erklärt: „Ich habe mit mit 15 Jahren das erste Mal das Labrum gerissen, alllerdings hinten. Das ist untypisch für einen Wurfsportler.“ Da der Arzt die Verletzung übersah, spielte sie ein Jahr lang mit dem Riss weiter. Es bildete sich eine Zyste, irgendwann konnte Link ihren Arm nicht einmal mehr richtig anheben. Eine Operation brachte nur vorerst Besserung: Als sie später für den TSV Haunstetten in der 2. Bundesliga auflief, sprang die Schulter erneut heraus.

Link bekam zwar eine „sehr gute Betreuung“ im Augsburger Hessing Zentrum, hatte aber mit Schmerzen zu kämpfen, sobald sie den Ball in die Hände nahm. In einer Zeitschrift für Physiotherapeuten wurde sie dann auf das Thema Neuroathletik aufmerksam. Da das Thema 2016 im Internet aber noch wenig präsent war, verlor sie es aber aus den Augen.

Wendepunkt in Freiburg

Die damals 22-Jährige kam aufgrund ihrer anhaltenden Beschwerden nicht mehr an ihr Leistungsoptimum heran. Nachdem sie den Zeitschriftenartikel noch einmal herausgesucht hatte, kontaktierte sie die Autorin Ulla Schmidt-Fetzer und bekam die Empfehlung, den Freiburger Neuroathletiktrainer Steffen Tepel aufzusuchen. Dieser testete Link durch, zeigte ihr Übungen und erstellte ihr einen Trainingsplan.

„Ich bin dann nach Hause gegangen und habe das durchgezogen, auch wenn es teilweise sehr wilde Übungen für mich waren zum damaligen Zeitpunkt“, erinnert sich Link. Mit einer Mischung aus Augen-, Gleichgewichts- und Atemübungen wurde ihre Schulter wieder „richtig gut“. Link absolvierte daraufhin Kurse an der amerikanischen Z-Health-University.

Mittlerweile arbeitet sie neben ihrer Haupttätigkeit als Physiotherapeutin zehn bis 15 Stunden als selbstständige Neuroathletiktrainerin für Einzelsportler, Nichtsportler und Vereine – darunter sind vermehrt Handballteams. In der breiten Öffentlichkeit sei das Thema allerdings noch nicht angekommen: „Ich bin immer wieder überrascht, dass es ganz viele Menschen gibt, die davon noch nichts gehört haben.“

Schaltzentrale

Für Link geht es beim Neuroathletiktraining darum, „das Nervensystem in das Training mit einzubeziehen“. Sie erklärt: „Das Gehirn ist immer die Schaltzentrale. Es kann auf die Bremse drücken und einen Schmerz aussenden im Körper oder für eine hohe Muskelspannung sorgen. Es kann aber auch den Muskel ausschalten, so dass er nicht richtig arbeitet, einfach weil es die Situation nicht richtig einschätzen kann.“

Das Neuroathletiktraining ist sowohl bedeutend für die Verletzungsvorbeugung als auch für den Übergang aus einer Verletzung heraus zurück in den Alltag beziehungsweise Sport. Wenn trotz struktureller Heilung immer noch Schmerzen vorhanden sind und gewisse Körperregionen nicht richtig angesteuert werden können, könne es sein, dass das Gehirn ein Trauma abgespeichert hat, das in gewissen Situationen hemmend wirken kann. Dies könne beispielweise mit Gleichgewichsorganen oder Rezeptoren in den Gelenken zusammenhängen, so Link.

Kritik an der aktuellen Praxis

Gerade für Sportler, die sich unsicher sind, ob sie nach einer Verletzung überhaupt weitermachen können, sei Neuroathletiktraining sinnvoll. Denn klassische Faktoren wie Muskelumfang oder Maximalkraft reichten oft nicht aus: Auf dem Handballfeld seien vor allem Koordination – wie die Hand-Augen-Koordination – und ein gutes peripheres Sehen gefragt. Fähigkeiten, die laut Link in der Rehabilitation bisher kaum berücksichtigt würden.

Das Problem: Durfte der Spieler oder die Spielerin nach einer Verletzung wieder zurück auf das Handballfeld, weil die verletzte Struktur ausgeheilt und der Muskelumfang wiederhergestellt sei, komme es trotzdem zu häufig zu einer Reruptur – also einem erneuten Zerreißen – oder einer neuen Verletzung.

Link betont, es sei wichtig, auch die übergeordneten Systeme wie das visuelle System, das Gleichgewichtssystem oder die Koordinationsfähigkeiten in der Therapie ausreichend zu trainieren, bevor es zurück in den Gegnerkontakt gehe. Ansonsten könne der Muskel das Gelenk plötzlich nicht mehr stabilisieren, sobald im Spiel mehrere Systeme gleichzeitig gefordert seien.

Da das periphere Sehen beispielsweise in Mannschaftssportarten extrem wichtig sei, sei es vorteilhaft, während einer Kraftübung auch mal peripher zu arbeiten oder koordinative Übungen einzubauen. „Erst wenn man so etwas kann und sich wieder gut fühlt dabei, sollte man wieder ins Mannschaftstraining dürfen“, fordert Link.

Die Atmung als Basis

Für ein funktionierendes Neuroathletiktraining ist die Atmung die Basis. „Eine gute und richtige Atmung ist essentiell dafür, dass das Gehirn Reize gut verarbeiten kann“, so Link. Insbesondere für Ausdauersportler gilt das Atemtraining abseits des Lauftrainings als sehr wichtig. Ein Effekt davon: „Wenn ein Sportler eine gute Atmung hat, dann hat er auch eine gute Regenerationsfähigkeit, was wiederum bei der Verletzungsprophylaxe hilft.“

Eine Landkarte im Gehirn

Der Sportmediziner Dr. Matthias Kröll erklärt in ARD GESUND mit Dr. Julia Fischer: Neuroathletiktraining ist frei von Nebenwirkungen, löst viele Schmerzen und ist nachhaltiger als andere Trainingsmethoden, weil der Muskel weicher wird und die Beweglichkeit damit besser erhöht werden kann. Link erläutert: „Wenn man dem Gehirn bessere Informationen zur Verfügung stellt, dann kann es sein, dass die Bremse gelöst wird und verschiedene Muskeln nicht mehr eine so große Spannung haben.“

Link vergleicht das mit einer Landkarte im Gehirn, die graue Flecken hat. Je mehr verschwommene Stellen diese Landkarte aufweist, desto langsamer und unsauberer bewegt man sich. „ln der Neuroathletik geht es darum, diese Landkarte wieder detaillierter zu gestalten, damit man sich wieder besser und schmerzfreier bewegen kann“, so Link.

Zusammenspiel mit Krafttraining

Klassisches Krafttraining ersetzen kann Neuroathletik-Training zwar nicht, allerdings spielen beide Themen durchaus ineinander: „Durch unsere Sportart und die Art und Weise wie wir Leben, sind wir in der Regel nicht symmetrisch.“ Für sie sei Neuroathletik deshalb auch kein starrer Trainingsansatz, sondern ein grundlegender Denkansatz, wie der Bewegungsapparat funktioniert: Man könne das Nervensystem schlichtweg nicht vom Muskelsystem trennen.

Ein praktisches Beispiel zeigt dieses Zusammenspiel: Verletzt sich ein Sportler am Fuß, stehe für Link als Neuroathletiktrainerin natürlich zuerst die Behandlung des Fußes im Vordergrund. Knicke ein Athlet jedoch wiederholt um oder klage trotz gezieltem Muskelaufbau über ein ständiges Instabilitätsgefühl, liege das Hauptproblem oft woanders.

In solchen Fällen stamme die Ursache häufig aus dem Gleichgewichtsorgan, dessen Reflexe verzögert ausgesendet würden. Die Folge: Der Sportler kann sich bei der Landung nicht rechtzeitig stabilisieren. In einer solchen Situation helfe laut Link kein weiteres Kräftigungstraining für die Fußmuskulatur, sondern ein gezieltes Training für das Gleichgewichtsorgan.

Wissenschatliche Erkenntnisse

Während die Wirkung von Krafttraining allerdings eindeutig ist, ist die Wirksamkeit von Neuroathletik wissenschaftlich nicht nachgewiesen.  Link sagt dazu: „Wissenschaft im Gesundheitsbereich ist immer schwierig, weil viele Einflussfaktoren auf die Probanden einwirken, deswegen ist es super schwierig, ordentlich Studien zu machen. In einzelnen Teilbereichen gibt es aber schon Erkenntnisse. Zum Beispiel zum visuellen System gibt es schon sehr viele Studien.“

Eine Studie von Maman Paul, Sandeep Biswas und Jaspal Singh Sandhu, die im Januar 2011 veröffentlich wurde, zeigt besipielsweise, dass visuelles Training die Reaktionszeiten und die Bewegungzeiten im Tischtennis verbessern konnten. Die Probanden absolvierten dabei über einen Zeitraum von acht Wochen dreimal wöchentlich verschiedene visuelle Übungen.

Neuroathletik im Handball

Eine Übung für das visuelle System ist die sogenannte Augenliegestütze. Ein Finger oder eine Kugelschreiberspitze wird eine Armlänge entfernt vor das Gesicht gehalten und dann immer näher an das Auge geführt bis man unscharf sieht. „Das trainiert das Bewegen von beiden Augen göleichzeitig nach innen und ist zum Beispiel eine super wichtige Funktion der Augen, um den Ball zu fangen“, so Link, die diese Übung für den Nachwuchsbereich, in dem sie auch selbst als Trainerin tätig ist, empfielt.

Links Bruder Maximilian Horner, der in der vergangenen Saison für den TV Großwallstadt in der 2. Handball Bundesliga spielte und in seiner Karriere bereits zwei Kreuzbandrisse hatte, stellt vor dem Spiel beziehungsweise Training unterschiedliche Gegenstände im schnellen Wechsel scharf. „Das ist ein Zusammenspiel von Gleichgewichtsorganen und Augen“, erklärt Link. Das Gleichgewichtsorgan im Innenohr stabilisiere über Reflexe die Muskulatur. „Da geht es um Millisekunden.“ Millisekunden, die auch über Verletzung und Nicht-Verletzung entscheiden können. Link behauptet: „Handball ist ein Kontaktsport. Alle Verletzungen wird man nie vermeiden können, aber ich denke, dass man ganz viele Verletzungen reduzieren kann, wenn man das Nervensystem im Training integriert.“

Dir gefällt, was du hier liest?

Ich stecke viel Herzblut und Zeit in die Recherche und die Interviews für das Logbuch Sport. Wenn dir meine Texte einen Mehrwert bieten, freue ich mich über eine freiwillige Unterstützung via PayPal, um dieses Projekt weiterbetreiben zu können. Jeder Betrag hilft mir direkt dabei, die Kosten zu decken und weiterhin unabhängig zu berichten.

[Hier klicken: Support via PayPal – Betrag frei wählbar]