Munia Smits von der Sport-Union Neckarsulm: „Früher wurde ich gefragt, ob Handball das Spiel mit dem Netz in der Mitte ist"
Munia Smits (am Ball) ist mit 83 Toren in dieser Saison die zweiterfolgreichste Torschützin der Sport-Union Neckarsulm. Foto: Sport-Union Neckarsulm
Rückraumspielerin Munia Smits von der Sport-Union Neckarsulm erzählt über das Schattendasein des Handball-Sports in Belgien, ihre persönliche Entwicklung, die ihr viele nicht zugetraut haben und das Geheimnis ihres Schlagwurfs.
Es ist ja nicht so, als sei Belgien ein exotisches Land am anderen Ende der Welt. Dennoch ist es interessant, wie unterschiedlich die Sportlandschaft in zwei benachbarten Ländern sein kann. Während der Handballsport hierzulande in beinahe jeglicher Hinsicht die zweitbedeutendste Mannschaftssportart darstellt, ist der Sport in Belgien deutlich unbedeutender als beispielsweise Volleyball.
Die belgische Bundesliga-Spielerin Munia Smits berichtet: „Früher wurde ich gefragt, ob Handball das Spiel mit dem Netz in der Mitte ist.“ Apropos Volleyball: Munia Smits stammt aus einer Volleyball-Familie, sowohl ihre Eltern als auch ihre Tante kommt aus dem Volleyball. Umso erstaunlicher ist, dass die Volleyball-Familie nun in gewisser Weise eine Handball-Familie geworden ist. Munias Schwester Xenia Smits ist deutsche Nationalspielerin im Handball und legt nun eine Babypause ein. Schwester Aaricia spielte in der 2. Bundesliga für den VfL Waiblingen, musste ihre Handball-Laufbahn aber aufgrund von Rückenproblemen beenden. Die älteste Schwester Kerensa spielte nie auf professionellem Niveau Handball, unterstützte das Trio Xenia-Aaricia-Munia allerdings durchgängig auf deren Weg.
Das „Mama-Kind“ wird erwachsen
Als Erste des Trios wechselte Xenia Smits ins Ausland zu den Bad Wildungen Vipers. Munia Smits entschied sich zunächst dagegen: „Ich bin ein Mama-Kind. Ich habe immer gesagt, dass ich zu Hause bei Mama bleibe.“ Doch die HSG Blomberg-Lippe blieb hartnäckig, lud Smits mehrfach zum Probetraining ein und überzeugte sie letztendlich zu einem Wechsel ans Handball-Internat.
„Viele hätten gedacht, ich komme nach einem Jahr nach Hause zurück“, gibt die heute 26-Jährige zu. „Ich bin nicht die Beste darin, eine neue Sprache zu lernen. Niemals hätte ich gedacht, dass ich so schnell Deutsch lerne. Ich musste erst lernen, was ich eigentlich alles kann.“ Behilflich war Smits beim Deutschlernen, dass sie mit zwei Mitspielerinnen zusammenlebte. Es wurde nur Deutsch gesprochen.
Die Magie des Schlagwurfs
Zu den Dingen, die Smits kann, gehört auch eine ihrer größten Waffen: der Schlagwurf. Während viele Rückraumspielerinnen auf den klassischen Sprungwurf setzen, nutzt Smits oft die Stemmphase am Boden. Dies funktioniert in vielen Spielen herausragend gut, beispielsweise im Spiel gegen Frisch Auf Göppingen war die linke Rückraumspielerin der Sport-Union Neckarsulm kaum aufzuhalten.
Ist das wirklich so knifflig zu verteidigen? „Grundsätzlich ist das schwierig zu verteidigen, wenn es mit dem richtigen Tempo in einem richtigen, möglichst unerwarteten Moment gemacht wird“, erläutert Smits. „Ich gehe auch gerne ins Eins-gegen-Eins, das macht es für die Abwehr schwieriger. Vor allem wenn die Torfrau keine gute Sicht hat. Außerdem gibt es die Möglichkeit, das Loslassen des Balls nur anzutäuschen.“ Was einfach aussieht, wenn es reihenweise klappt, ist also gar nicht so einfach zu verteidigen.
„Die Kleine“ haut ab
Bei der HSG Blomberg-Lippe jedenfalls schaffte Smits den Sprung aus dem Juniorenbereich in den Erwachsenenbereich. Doch die großen Spielanteile in der ersten Mannschaft bleiben ihr verwehrt. „Man bleibt immer die Kleine“, meint Smits. Bei ihr entwickelte sich das Gefühl, aus der Komfortzone heraus zu müssen. Von Nordrhein-Westfalen wechselte sie nun nach Nordhessen zu den Bad Wildungen Vipers, die zum damaligen Zeitpunkt tief im Abstiegskampf feststeckten. Dort etablierte sich Smits als wichtige Spielerin.
„Das Angebot aus Neckarsulm war dann der nächste Schritt“, meint die Rückraumspielerin. Doch auch in Neckarsulm erlebte Smits keinen geradlinigen Weg ohne Rückschläge. „In der ersten Saison haben wir groß gesagt, dass wir europäisch spielen wollen, landeten dann aber im Abstiegskampf.“ Anfang 2023 kam eine Knieverletzung hinzu, die Smits zu einer einjährigen Zwangspause zwang. „Der Verein hat mir immer die Zeit gegeben, die ich gebraucht habe“, sagt Smits. „Wir halten in der Mannschaft zusammen und auch im privaten Umfeld fühle ich mich hier sehr wohl. Neckarsulm ist meine zweite Heimat geworden.“
Neckarsulmer Erfolgsfaktoren
Dies trotz einiger Umbrüche. In ihrer dritten Saison bei der Sport-Union Neckarsulm war Smits gemeinsam mit Annefleur Bruggeman bereits die dienstälteste Spielerin des Teams – eine ungewöhnliche Situation sei dies gewesen. Nun hat sich allerdings ein Grundgerüst entwickelt. Kim Hinkelmann und Alessia Riner sind seit 2023 im Team. Nationalspielerin Antje Döll kam zwar erst zur Saison 2025/26 nach Neckarsulm, hat mit ihrem Torinstinkt und ihrer Erfahrung direkt eine Führungsrolle inne. Angunn Gudmestad, Lilli Holste, Lynn Holtman und Johanna Fossum werden den Verein im Sommer allerdings nach zwei Jahren verlassen.
Die generell gestiegene Kontinuität ist für Smits einer der zentralen Gründe, warum die Sport-Union Neckarsulm in dieser Saison eine gute Rolle spielt. Es ist die zweite Spielzeit in Folge ohne Abstiegskampf. Das Angriffsspiel wirkt variabel, die individuelle Qualität hat sich verbessert, die Stabilität gegen die vermeintlich schwächeren Gegner ist in dieser Saison höher als in der Vergangenheit.
Hoch die Hände: Die Sport-Union Neckarsulm spielt eine erfolgreiche Saison. Weiter geht es am Samstag (18 Uhr) gegen TuS Metzingen. Foto: Sport-Union Neckarsulm
Zwei Spiele sind es nun noch in der Hauptrunde. Aktuell steht die Mannschaft von Trainer Thomas Zeitz auf Rang sechs. Sie wird die Hauptrunde auf Rang fünf bis acht beenden. Nun wird es kompliziert: Die Mannschaften auf den Plätzen fünf bis elf spielen in einer Zwischenrunde die Plätze fünf bis elf neu aus. Hier spielt jeder gegen jeden. Die besten vier Teams der Hauptrunde spielen im Halbfinale und Finale jeweils im Modus Best-of-Three den deutschen Meister aus. „Unser Ziel muss es sein, Rang fünf zu erreichen“, meint Neckarsulm-Kapitänin Smits.
Der Traum vom Handball-Wunder
Und dann ist da ja noch dieses Länderspiel. Am 12. April trifft die belgische Nationalmannschaft in Hamm auf Deutschland. Das Kuriose ist, dass die belgische Nationalmannschaft erstmals an der Hauptrunde einer EM-Qualifikation teilnimmt. Am 4. März gewann Belgien mit 26:25 gegen Nordmazedonien, der erste belgische Sieg in einem EM-Qualifikationsspiel. Munia Smits feierte ihr Länderspiel-Debüt und frohlockt: „Wir haben Geschichte geschrieben.“ Die 28:33-Niederlage im Rückspiel wurde zur Randnotiz. Auch mit Blick auf das 21:40 im Hinspiel erscheint ein Sieg gegen Vize-Weltmeister Deutschland in etwa so wahrscheinlich wie ein Deutscher auf dem Mars. Doch sollte das Handball-Wunder wirklich gelingen, dann wird Belgien vielleicht irgendwann doch noch zur Handball-Hochburg. Munia Smits hätte ganz bestimmt nichts dagegen.
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