Zahlen, Werte, Weltklasse? Wie ein Finanzmathematiker die Junglöwen formt
Martin Berger beendete mit der U19 der Rhein-Neckar Löwen in dieser Saison die A-Jugend-Bundesliga Süd auf Rang fünf. Foto: Tanja Sommer
Martin Berger, seit knapp zwei Jahren Nachwuchskoordinator der Rhein-Neckar Löwen, erklärt, wie er die Junglöwen mit skandinavischer Inspiration formt, welche Rolle Statistiken spielen und welche Werte er unbedingt an seine Spieler vermitteln will.
Der deutsche Handball lebt. Die Männer-Nationalmannschaft gewann 2024 Olympia-Silber, 2026 folgte ebenfalls Silber bei der Europameisterschaft. Die U21 wurde 2023 Weltmeister. WM-Gold ging auch 2025 in der U17 und in der U19 an Deutschland. Einer, der am Erfolg des deutschen Handballs mitarbeiten möchte, ist Martin Berger. Der 34-Jährige ist seit Sommer 2024 Nachwuchskoordinator der Rhein-Neckar Löwen und bestätigt: „Prinzipiell waren das sehr gute Jahre, was die Entwicklung des Nachwuchs betrifft.“ Er führt die Einführung des Nachwuchszertifikats sowie die gestiegene Qualität in den Nachwuchsligen als Gründe an. Außerdem betont Berger die „Konstanz auf entscheidenden Positionen“ und hebt insbesondere die konstante Arbeit von Jochen Beppler, den ehemaligen Chef-Bundestrainer Nachwuchs und aktuellen Trainer der männlichen U17-Nationalmannschaft, über die letzten Jahre hervor.
Wer den deutschen Handball verfolgt, der sieht, dass Talente vorhanden sind, dass Welt- und Europameister Dänemark aber immer noch ein ganzes Stück voraus ist. Berger betont die „sehr, sehr enge Weltspitze“ hinter den Dänen und meint: „Wir haben bei der deutschen Nationalmannschaft noch nicht die maximale Kadertiefe.“
Eine Frage der Struktur
Um dies zu verändern, braucht es die passenden Strukturen. Anders als in anderen Sportarten spielen die Vereine mit ihren Nachwuchsleistungszentren im Handball eine deutlich größere Rolle, auch wenn es Regional- und Einladungslehrgänge des DHB gibt, für die der Spielplan in den Jugendligen ausgedünnt wurde. „Das ist insgesamt ein sehr gutes Konstrukt“ meint Berger.
Der Nachwuchskoordinator der Rhein-Neckar Löwen ist ein Mann für die Struktur. Bei Bayer Dormagen hat er eine Struktur geschaffen, in der viele Spieler den Sprung in die 2. HBL schaffen konnten. Berger, der bei den Rhein-Neckar Löwen auch als U19-Trainer tätig ist, erklärt seine Aufgabe als Nachwuchskoordinator: „Es geht darum, gewisse Sportstrukturen zu erhalten, schaffen und verbessern, die es den Spielern ermöglicht, besser zu werden.“ Damit nicht in der einen Mannschaft nur Schlagwürfe und in der anderen Mannschaft nur Sprungwürfe gemacht würden, sei es seine Aufgabe, ein gemeinsames Spielsystem zu entwickeln.
Hat Skandinavien Deutschland etwas voraus?
Berger hat in verschiedenen Vereinen in unterschiedlichen Ländern hospitiert und Erfahrungen gesammelt, um dies bestmöglich zu realisieren. Besonders aus Skandinavien hat er einiges mitgenommen: „Sie sind extrem stark darin, Talente zu fördern. Sie bringen die Menschen auf die Straße.“ Zunächst gehe es in Skandinavien darum, den Kindern Spaß am Handball und daran, sich selbst zu entwickeln, zu bescheren. Das Ziel: Die Spieler sollen sich auch dann entwickeln, wenn niemand zusieht, also außerhalb des Spiels beziehungsweise des Trainings. „Im Altdeutschen arbeitet man ja gerne mit Druck, dort geht es eher darum, dass der Spieler für sich selbst den richtigen Weg findet“, erklärt Berger.
Damit dies gelingt, arbeiten die Rhein-Neckar Löwen mit Sportpsychologen, die monatliche Workshops anbieten. Ein entscheidender Unterschied zwischen Skandinavien und vielen anderen Regionen bleibt aber die Entwicklung im Erfolgsfall, also beispielsweise wenn ein Spieler im Alter von 19 oder 20 Jahren seinen ersten Profivertrag unterschreibt: „In diesem Altersbereich geht die Entwicklung erst richtig los. Dort sind die Skandinavier besser als andere, weil sie extrem Bock haben, Handball zu spielen“, erläutert Berger.
Den zweiten Aspekt den der Löwen-Nachwuchskoordinator aus Nordeuropa mitgenommen hat: „Es geht dort darum, dass die Spieler ihre eigenen Ideen ausleben und nicht in ein starres Korsett gepresst werden. Dass sie darüber nachdenken, was sie brauchen, um effizient zu spielen. Sie sollen selbstständig Lösungen finden.“
Der Weg nach oben und die Rolle von Statistiken
Diese skandinavische Herangehensweise passt gut zu Bergers Ansatz, die Spieler „sehr modern und variabel“ ausbilden zu wollen. Die Rhein-Neckar Löwen schauen sich daher genau an, wie sich die Spielweisen der Bundesliga-Trainer verändern. Für diese spielen in der heutigen Zeit natürlich auch Statistiken eine wichtige Rolle. Praktischerweise hat Berger ein Masterstudium in der Finanz-Mathematik absolviert. Komplexe Formeln braucht er als Nachwuchskoordinator zwar nicht, aber: „Sich mit Zahlen auskennen, hilft in jedem Bereich.“
Es geht Berger nicht nur um Wurfquoten, sondern beispielsweise auch darum, aus welchen Bereichen die Spieler werfen sollen. Das Ziel des Vereins ist es, Spieler in der Bundesliga unterzubringen: „Wenn du einem Trainer aufzeigen kannst, dass ein Spieler pro Spiel ein Stürmerfoul zieht, dann kann das noch einmal mehr Eindruck hinterlassen als die reine Wurfquote“, beschreibt Berger die Herangehensweise. Die Rhein-Neckar Löwen beobachten ganz genau, wie sich die Spielstrukturen der Bundesliga-Trainer entwickeln, um die eigenen Nachwuchstalente bestmöglich auf die aktuellen Anforderungen vorzubereiten.
Entsprechend schaffen in der Regel fast alle Absolventen der Akademie der Rhein-Neckar Löwen in Kronau den Sprung mindestens in die 3. Liga. Viele haben dann nach normalerweise drei bis vier Jahren in der Jugend der Rhein-Neckar Löwen die Möglichkeit, zwei Jahre in der 3. Liga für die Zweitvertretung der Löwen zu spielen. „Für Spieler aus der A-Jugend ist diese Möglichkeit ein gutes Pfund. Wer regelmäßig in der 3. Liga spielt, kann meist früher in einer höheren Liga Fuß fassen“, so Berger.
Hat die junge Generation ein Einstellungsproblem?
Der Einstellung der Spieler kommt dabei eine große Bedeutung zu. Eishockey-Spieler Sandro Schönberger von den Tölzer Löwen hat im Gespräch mit „Logbuch Sport“ das Mindset junger Spieler kritisiert. Unter anderem sei nicht immer der Wille erkennbar, in der höchstmöglichen Liga spielen zu wollen. „Wenn es um das Ziel geht, sich bestmöglich zu entwickeln, dann gibt es dieses Problem bei uns auf jeden Fall nicht“, beobachtet Berger. „Ich sehe nicht, dass die Spieler sich anders verhalten als vor zehn oder zwanzig Jahren.“
Allerdings könne es sein, dass in Deutschland durch gewisse Entwicklungen eine andere Kultur entstanden sei, was den Antrieb der durchschnittlichen Deutschen verändert habe: „Es kann sein, dass viele nicht mehr mit dem hohen Ziel der Selbstverwirklichung Sport machen, sondern dass es ihnen mehr um die eigene Gesundheit geht oder darum, mit Freunden Spaß zu haben.“ Das sei, so Berger, „erstmal eine großartige Sache“.
Welche Werte kann der Sport vermitteln?
Eine entscheidende Frage ist nun aber, inwiefern diese ursprünglichen Gedanken des Sporttreibens im Leistungssport überhaupt eine Rolle spielen müssen und können. Die Rhein-Neckar Löwen haben sich jedenfalls einige Ziele und Werte wie „Persönlichkeitsentwicklung“, „Verantwortungsbewusstsein“ und „soziale Kompetenz“ auf die Webseite des Nachwuchsleistungszentrums geschrieben.
Berger hebt die Kernpunkte „Verantwortung, Verwirklichung und Vertrauen“ hervor: „Es geht darum, Verantwortung für mich selbst zu tragen, aber auch Verantwortung gegenüber dem System zu haben, gegenüber dem Verein, dem Jahrgang über mir, dem Jahrgang unter mir. Dass wenn Hilfe gebraucht wird, dass ich dann mal als Coach der D-Jugend einspringen kann oder bei einem Spiel der ersten Mannschaft Wischer sein kann.“ Die Spieler hätten Lust darauf, Verantwortung zu übernehmen. „Das hilft ihnen auch fürs Spiel“, meint Berger. Und selbst wenn nicht: Muss es im Sport immer nur um Siege gehen?
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