TG Nürtingen-Trainer Manel Cirac: Zwischen Veszprém-Verbindung und HBF-Kritik
Manel Cirac war als Spieler unter anderem für Granollers in der ersten spanischen Liga und in Deutschland für Die Eulen Ludwigshafen aktiv. Foto: Marco Schultz
Vom Fast-Absteiger zum Aufstiegsaspiranten: Trainer Manel Cirac hat die TG Nürtingen transformiert. Der 38-jährige Spanier spricht im Interview mit „Logbuch Sport“ über seine „relativ komplexe“ Spielphilosophie und seine Verbindung zu Veszprém-Trainer Xavi Pascual. Den aktuellen Kurs der Handball Bundesliga der Frauen (HBF) kritisiert er.
Herr Cirac, Sie werden in der Saison 2026/27 in ihre vierte Spielzeit als Trainer der TG Nürtingen gehen. Wie viel Ihrer Handschrift steckt bereits im Verein?
Manel Cirac: Bevor ich nach Nürtingen kam, wäre der Verein fast in die dritte Liga abgestiegen. Sie hat erst am letzten Spieltag den Klassenerhalt geschafft. Im Vergleich zu heute ist das ein Unterschied wie Tag und Nacht, es ist eine komplett andere Mannschaft. Die Mannschaft war bereits vor mir voll von Technik und individueller Qualität. Was sie gebraucht hat, ist Disziplin, hartes Training und ein neues Konzept. Ich habe das alles aber gemeinsam mit dem Verein gemacht. Der Verein hat eine große Entwicklung genommen in den letzten Jahren. Das ist eine andere Welt.
Toptorschützin Lisa Fuchs sprach im Interview mit Logbuch Sport über Ihre Spielidee. Diese sei „relativ komplex“. Sehen Sie das auch so?
Manel Cirac: Im ersten Jahr war es ein bisschen einfacher, weil ich nicht so viel wechseln konnte. Im zweiten Jahr gab es dann einen Sprung in der Qualität. In diesem Jahr haben wir qualitativ fast die Spitze erreicht. Ich denke, im nächsten Jahr werden wir sie erreichen. In ersten Jahr war es noch nicht mein Kader. Im nächsten Jahr wird es dann wirklich die Mannschaft sein, die wir zusammengebaut haben.
Sie haben in der ersten spanischen Liga als Kreisläufer gespielt. Hat man als Kreisläufer einen besonderen Blick auf das Spiel?
Manel Cirac: In Spanien sagt man, dass Rückraum, Torwart und Kreisläufer eine Mannschaft bauen. Man muss dazu sagen, dass ich Anfangs in Spanien sowohl im Angriff als auch in der Abwehr gespielt habe, während ich dann später in Deutschland als reiner Abwehrspieler eingesetzt wurde. Mit 18 oder 19 Jahren war ich bereits Spezialist. Das gibt dir schon das Wissen, was du in der Abwehr machen musst und wie der Angriff dann darauf reagiert. Ich komme aus der spanischen Schule, da ist die Kooperation mit dem Kreisläufer sehr wichtig. Wir denken oftmals in eine andere Richtung als andere Trainer.
Haben Sie den Eindruck, dass sich der deutsche Handball vermehrt für Einflüsse aus anderen Ländern öffnet?
Manel Cirac: Deutsche Trainer haben oftmals andere Konzepte. Viele deutsche Trainer gehen mittlerweile aber in Richtung Spanien, um zu lernen. Das ist gut. Jeder hat sein eigenes Konzept. Ich bin zufrieden. In Spanien kommunizieren wir viel. Es geht viel darum, von anderen zu lernen. Wenn wir das schaffen, dann machen wir immer Schritte nach vorne. Der spanische Handball bringt deshalb viele Varianten mit.
Ihre eigene Philosophie orientiert sich also stark an der spanischen Handball-Schule oder gibt es weitere Einflüsse?
Manel Cirac: Spanische Trainer schauen viel Handball und kommunizieren viel miteinander. Das bringt für jeden Trainer individuell viel. Ich lerne aber auch Dinge von deutschen Trainer. In Skandinavien kann man viel über die individuelle Qualität lernen. Als Trainer möchte man sich verbessern, das musst du machen. Ich tausche mich zum Beispiel mit Xavi Pascual, dem Trainer von Veszprém HC, aus. Mit ihm habe ich auch „Handball AI“ gegründet. Das ist ein Unternehmen von uns beiden, mit dem wir 3800 Spiele pro Saison analysieren.
Daraus können Sie sicherlich viele Erkenntnisse gewinnen, die Ihnen für Ihre Trainertätigkeit bei der TG Nürtingen weiterhelfen können. Nach zuvor neun Siegen in Folge gab es zuletzt jedoch eine deutliche 28:36-Niederlage gegen den ESV Regensburg. War das ein Ausrutscher oder macht Ihnen diese Niederlage größere Sorgen?
Manel Cirac: Nee, am Ende haben wir im Moment vier Verletzungen, drei davon sind im Mittelblock. Jeder muss das verstehen. Wie wir in den letzten zehn Wochen ohne Leonie Dreizler und Michelle Schäfer gespielt haben, ist überragend. Eine solche Niederlage ist normal. Es ist jetzt nicht so, dass jetzt eine große Krise ist. Zwischen Platz vier und fünf sind neun Punkte Unterschied. Das bedeutet, wir werden mindestens die vierte Position belegen. Aber wo ist der Druck für die Mannschaften auf dem 14. oder 15. Platz. Wenn du keinen Druck hast, dann ist es einfacher zu spielen. Keiner kommt aus der dritten Liga nach oben, außer dem SV Todesfelde. Weil Ludwigsburg aus der ersten Liga zurückgezogen hat, wird niemand absteigen. Wir müssen nächste Saison trotzdem mit 16 Mannschaften spielen. Was ist das? Du hast alles zu verlieren, aber sie haben alles zu gewinnen. Das hat man auch im Spiel zwischen Leipzig und Rosengarten gesehen. Der Druck ist auf deiner Seite.
Fordern Sie eine Verkleinerung der Liga?
Manel Cirac: Die zweite Liga ist extrem schwer zu spielen. In der ersten Liga gibt es weniger Spiele, mehr Pausen und mehr Geld. Warum sollte also irgendjemand in die zweite Liga wechseln? Außerdem sind für uns nur vier Mannschaften in einem Zwei-Stunden-Kreis. In der ersten Liga wären für uns alle Mannschaften außer Rosenfeld und Blomberg in einem 5-Stunden-Bereich. Für die Vereine sind diese vielen, weiten Fahrten ökonomisch extrem hart. Da stellt sich schon die Frage: Können wir weitermachen mit 16 Teams? Die Liga sollte etwas ändern.
Lassen Sie uns zum Abschluss noch einen Blick in die Zukunft wagen: Sie haben im Rahmen Ihrer Vertragsverlängerung von viel ungenutztem Potenzial im Verein gesprochen. Wo genau sehen Sie dieses?
Manel Cirac: Ich denke, der komplette Verein hat in den vergangenen drei Jahren Schritte nach vorn gemacht, was Sponsoren und die Sichtbarkeit betrifft. Ein Kollege von Ihnen, der schon immer in Nürtingen wohnt, hat mir gesagt, dass er in dieser Stadt erstmals so eine Entwicklung und so eine Power sieht. Manchmal haben die Schwaben ja eher die Mentalität: Ja, ist okay. Nee: Wir sind da. Wir sind hier. Wir sind seit elf Jahren in der zweiten Liga. Das ist groß. Wir haben Erfahrungen gesammelt. Wir können uns vorbereiten. Wir wollen weitergehen. Das ist der Punkt: Die Entwicklung ist gesund. Der Verein hat alles geplant. Wenn wir es schaffen, dieses Jahr aufzusteigen, dann ist das gut. Wenn wir es schaffen, nächstes Jahr aufzusteigen, ist das gut. Wenn wir in zwei Jahren aufsteigen, ist das auch gut, aber wenn wir nicht aufsteigen, ist es auch nicht schlimm. Es geht um die Entwicklung. Der Weg ist das Ziel.
Das Interview führte Lukas Bergmann.
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