TUSEM Essen: Lukas Diedrich und der Realismus des Profigeschäfts
Nach zwei Saisons beim Bergischen HC kehrt Lukas Diedrich zu TUSEM Essen zurück. Foto: Dennis Ewert
Lukas Diedrich ist zurück bei TUSEM Essen. Der 26-Jährige spricht über seinen frühen Wechsel aufs Handballinternat, seine ersten Eindrücke beim neuen und alten Verein und seine Erfahrungen beim Bergischen HC in der Handball Bundesliga.
Ein wenig ins Träumen konnte man schon kommen bei dieser ziemlich talentierten U19-Nationalmannschaft, die 2019 im nordmazedonischen Skopje die Silbermedaille bei der Weltmeisterschaft gewann. Allen voran mit Julian Köster vom THW Kiel und Nils Lichtlein von den Füchsen Berlin haben es ja auch Spieler auf das internationale Topniveau geschafft. Auch Philipp Ahouansou (TVB Stuttgart) und Nils Röller (HSC Coburg) waren beispielsweise Teil des Kaders.
Für Aufsehen sorgte bei der damaligen U19-WM allerdings auch der deutsche Torhüter Lukas Diedrich, der mit einer Paradenquote von 38 Prozent hinter dem Ungarn Benedek Nagy der statistisch zweitbeste Torhüter des Turniers war. Gemessen an diesem Turnier entwickelte sich seine Karriere zunächst weniger erfolgreich, als manche vielleicht erwartet hätten.
Diedrich, mittlerweile 26 Jahre alt, meint: „Das war ein tolles Turnier von uns damals. Wir hatten eine tolle Mannschaft und haben einen guten Handball gespielt, waren absolut verdient im Finale.“ Außerdem habe man „eine Menge Spaß“ gehabt. Zu seiner eigenen Leistung bei der U19-WM sagt er: „Ich glaube, das darf man immer nicht überbewerten. Du bist 19, 20 Jahre alt. Ich war da immer realistisch und habe gesagt: Ok, Step by step. Konzentrier dich auf die tagtägliche Arbeit, der Rest kommt von alleine.“
Ein bewusster Weg
Diedrich scheint dieses ganze Handballgeschäft mit einem gesunden Realismus zu sehen. Er weiß, dass sich im Profisport Türen öffnen und schließen. Generell ist er Einer, der diesen Weg sehr bewusst eingeschlagen hat. Seinen Heimatverein, die HSG Rhumetal im Süden Niedersachsens, verließ er bereits in der C-Jugend, um auf das Handballinternat von Eintracht Hildesheim zu wechseln. Ein Jahr später zog er weiter zum SC Magdeburg.
Der TUSEM-Torhüter erklärt: „Ich wollte leistungsmäßig Handball spielen, einfach weil es mir unglaublich viel Spaß gemacht hat, Handball zu spielen. Ich habe die Entscheidung nie bereut und würde das immer wieder so machen.“ Zwar habe er auf Vieles verzichten müssen, insbesondere auf Zeit mit seiner Familie, aber der Schritt an ein Leistungszentrum sei unumgänglich, um in den Profibereich zu kommen.
Erste Erfahrungen in der Handball Bundesliga
Zwischen 2015 und 2020 spielte Diedrich für den SC Magdeburg, zunächst in der Jugend und dann in der zweiten Mannschaft. Auf der Webseite der Handball Bundesliga steht sogar ein Bundesliga-Spiel für den SCM in seiner Vita. Im Herbst 2019 bekam SCM-Torhüter Jannick Green Rückenschmerzen und bekam diese erst kurzfristig in den Griff, was dazu führte, dass Diedrich im Auswärtsspiel bei den Füchsen Berlin Teil des SCM-Kaders sein durfte, „eine coole Erfahrung“ für den damals 19-Jährigen.
Ein Jahr später sammelte er mit TUSEM Essen weitere Erfahrungen in der Bundesliga. Nachdem die Vorsaison abgebrochen wurde, war TUSEM aufgestiegen, stieg in der Saison 2020/21 aber als Vorletzter direkt wieder ab. Diedrich erinnert sich noch sehr genau an diese von der Corona-Pandemie geprägte Spielzeit: „Das war natürlich eine unglaubliche Saison, die es zum Glück nie wieder so gab. Es war natürlich besonders, dass du dich alle zwei Tage getestet hast, dass man wenig zusammen machen konnte privat, weil jeder sich schützen wollte. Du hast ganz viel Zeit zu Hause verbracht. Das war alles sehr distanziert, aber wir haben trotzdem mit einer sehr jungen Truppe erfolgreich Handball gespielt, haben auch ein paar Punkte in der ersten Liga gesammelt, aber sind dann auch verdient wieder abgestiegen, weil wir nicht gut genug waren.“ Mit 20 in der Bundesliga zu spielen, sei trotzdem „toll“ gewesen.
Ein stabiler Zweitligist
Drei weitere Saison verbrachte Diedrich in Essen, diese beendete die Mannschaft auf den Plätzen acht, acht und elf. Das Ziel direkter Wiederaufstieg wurde also verpasst. „Man muss im Nachhinein ehrlicherweise sagen, dass das in diesem Jahr nicht realistisch war aus unterschiedlichen Gründen“, meint der damalige TUSEM-Keeper. Er ergänzt: „Danach hat es sich so entwickelt, dass der TUSEM ein stabiler Zweitligist geworden ist. Das ist auch der Anspruch und die Philosophie des Vereins, ein stabiler Zweitligist zu sein, der jungen Spielern die Chance gibt, sich hier weiterzuentwickeln und Spielanteile zu bekommen. Das war immer das Ziel des Vereins und dieses Ziel haben wir jedes Jahr erreicht.“
Diedrich entwickelte sich während seiner Zeit bei TUSEM weiter, was auch von den Statistiken unterstrichen wird. Seine Paradenquote lag in der Saison 2021/22 noch bei 24,91 Prozent, eine Saison später waren es bereits 31,97 Prozent, der fünftbeste Wert der Liga. „Wenn du offen an die Sachen rangehst, dann kannst du dich immer als Sportler entwickeln. Klar habe ich mich beim TUSEM gut entwickelt und hatte eine gute Zeit. Das kann man so sagen, dass ich hier einen Entwicklungssprung gemacht habe, der mich auf das nächste Niveau gebracht hat“, meint der 26-Jährige.
Trainerwechsel beim Bergischen HC
2024 passierte dann aber etwas, das man als kurios bezeichnen könnte. Zunächst holte Jamal Nagi, der damalige Trainer des Bergischen HC, seinen ehemaligen Schützling Lukas Diedrich in die Bundesliga, dann wurde der BHC-Trainer entlassen und durch das Trainerduo Markus Pütz/Arnor Gunnarsson ersetzt. „So läuft es halt im Sport“, sagt Diedrich trocken. „Da kann man nichts planen und sich nicht im Voraus alles so zurechtlegen, wie man sich das wünscht. Davon abgesehen waren Markus und Arner zwei hervorragende Trainer. Ganz tolle Menschen und ganz tolle Trainer.“
Diedrich hatte beim BHC mit Christopher Rudeck allerdings einen erfahrenen Konkurrenten, der mit seinen zwei Metern Körpergröße eine große Präsenz ausstrahlt und in der vergangenen Saison ligaweit die drittmeisten Paraden machte. Zu viel Spielzeit kam Diedrich daher nicht. Der ehemalige BHC-Keeper bezeichnet seinen Ex-Teamkollegen als „absolut überragenden Erstligatorwart“. Aufgrund dessen wäre es aus seiner Sicht kaum möglich gewesen, in der kommenden Saison auf mehr Spielanteile zu kommen. Neben mehr Spielzeit erhofft er sich in Essen nun „vielleicht eine andere Rolle in der Mannschaft“ einnehmen zu können.
Das neue Gesicht von TUSEM Essen
Diedrich kommt zu einer Mannschaft, die in der vergangenen Saison lange im Keller herumkrebste, nach dem Trainerwechsel hin zu Kenji Hövels allerdings beachtliche 18 Punkte in 20 Spielen sammelte. Die ersten Trainingseindrücke des alten, neuen Torwarts sind „durchweg positiv. Ich kenne natürlich den Verein, die Strukturen, bin aber positiv überrascht von der ersten Woche dahingehend dass wir wirklich auf einem guten athletischen Niveau sind. Wir haben auch wirklich schon ordentlich trainiert, sind gut ins Tempospiel gegangen, haben da einige Szenen gehabt, die gut waren.“
Hövels ist 33 Jahre alt und trainierte vor seinem Engagement in Essen die A-Jugend der Füchse Berlin. Damit erfüllt er genau das Anforderungsprofil von TUSEM Essen, wie Diedrich hervorhebt: „Die Gespräche liefen gut. Ich hatte ein gutes Gefühl bei ihm. Er ist junger Trainer, der sehr engagiert ist und Bock hat, Dinge anzupacken und der auch eine Philosophie von Handball hat, die gut zum Verein passt. Er hat Bock auf junge Leute, passt in dieses Konzept. Die Mannschaft vertraut ihm.“ Seine offene und ehrliche Art mache es den Spielern einfach, zu wissen, was erwartet wird.
Ein offizielles Saisonziel wurde derweil noch nicht kommuniziert, aber der Wunsch aus der Mannschaft sei ganz klar, nicht in eine solche Abstiegsbredouille zu geraten, wie in der Vorsaison. Mit seinen 1,90 Metern ist Lukas Diedrich für einen Handballtorwart zwar eher klein gewachsen. Mit seiner Reaktionsfähigkeit und Schnelligkeit will er aber natürlich dazu beitragen, dass TUSEM Essen eine erfolgreiche Saison spielt.
Dir gefällt, was du hier liest?
Ich stecke viel Energie und Zeit in die Recherche und die Interviews für Logbuch Sport. Wenn dir meine Texte einen Mehrwert bieten, freue ich mich über eine freiwillige Unterstützung via Stripe. Damit hilfst du mir dabei, dieses Projekt langfristig weiterzuführen. Du hast Themenvorschläge oder eine spannende Geschichte, über die ich berichten soll? Schreib mir gerne an redaktion@logbuch-sport.de.