Lisa Wieders „Cinderella Story" bei der TG Nürtingen
Lisa Wieder hat in dieser Saison bisher 42 Tore geworfen und 45 aufgelegt. In der Assist-Statistik bedeutet dies ligaweit Rang 16. Foto: Marco Schultz
Lisa Wieder ist die Konstante in ihrer Mannschaft. Seit zwölf Jahren spielt sie bereits für die TG Nürtingen. Die Kapitänin kämpft mit ihrer Mannschaft um den Aufstieg in die Handball Bundesliga Frauen (HBF). Ein Portrait über eine Spielerin, die mitnichten die Beste ist, für ihr Team aber dennoch wichtig ist.
Besonders romantisch begann die Liebesgeschichte von Lisa Wieder und der TG Nürtingen nicht: Die damals 16-Jährige spielte für Viertligist HC Wernau, war allerdings auch für die Jugendnationalmannschaft aktiv. Weil es eine Änderung in den Förderrichtlinien gab, war ein Wechsel in eine der drei höchsten Spielklassen unumgänglich, um weiterhin im Fokus der Jugendnationalmannschaft zu bleiben.
Wieder nahm Kontakt zu Stefan Eidt auf, dem damaligen Trainer der TG Nürtingen. Dieser integrierte sie sofort in den Kader der ersten Mannschaft, die damals in der Dritten Liga spielte. Zwölf Jahre später ist Wieder nun nicht mehr die Jüngste, sondern die älteste Spielerin der TGN. „Die Rollen haben sich sehr verschoben“, so Wieder, die sich als Kapitänin allerdings „auf jeden Fall wohl“ fühlt.
Prioritäten setzen
Nach all den Jahren ist die rechte Rückraumspielerin bei der TGN kaum noch wegzudenken. Im Oktober 2021 begann sie nebenbei sogar als Nachwuchstrainerin die zweite, weibliche A-Jugend und die weibliche B-Jugend des Vereins zu trainieren. Wieder beendete die Tätigkeit nach ein paar Jahren allerdings wieder, weil sie von Nürtingen nach Stuttgart umzog.
Dort ist sie Lehramtsstudentin und arbeitet an einer Grundschule. Ihr Pensum ist hoch: Vier Trainingseinheiten in der Halle stehen pro Woche auf dem Programm, hinzu kommt dreimal Krafttraining. Hier kommt allerdings der Verein ins Spiel, der die Spielerinnen bestmöglich unterstützt, wie Wieder betont: „Viele Spielerinnen arbeiten bei Sponsoren. Niemand macht das hauptberuflich und da ist der Verein auch sehr einsichtig: Für uns ist Handball nicht die erste Priorität. Wenn man abends eine Uni-Veranstaltung hat, dann kommt man halt mal nicht ins Training.“
Cinderella-Story? Lisa Wieder schmunzelt
Vermeintliche Kleinigkeiten wie diese sind es, die Wieder zu schätzen weiß und die einen Einfluss darauf hatten, dass sie ihren Vertrag im vergangenen November bis 2027 verlängert hat. Dabei gehört Wieder weder zu den erfolgreichsten Torschützinnen noch zu den besten Vorlagengeberinnen. 45 Assists sind ein ordentlicher Wert, aber nicht überragend. „Ich bin im Team nicht eine der Leistungsträgerinnen“, sagt die rechte Rückraumspielerin.
Im Gegensatz zur erst 20-jährigen Lisa Fuchs, die im Rückraumzentrum spielt. Sie ist die, die Spielzüge ansagt, das Spiel lenkt. Eine, die „heraussticht“, wie auch Wieder anerkennend feststellt. Nicht so Wieder, die mit ihren 1,70 Metern keine „klassische Shooterin“ ist, wie man im Handball jemanden nennt, der wurfgewaltig aus neun oder zehn Metern abschließen kann. Wieder ist eine Spielerin, die in Eins-gegen-Eins-Situationen geht, aber auch ihre Mitspielerinnen freispielen will. Man könnte sie beinahe als eine zweite Spielmacherin bezeichnen, aber eben eine, die mehr im Halbraum als im Zentrum tätig ist.
Die Mannschaft der TG Nürtingen ist breit aufgestellt, deshalb muss Wieder nicht in jedem Spiel den Unterschied machen. Abteilungsleiter Gunnar Fischer betont dennoch ihre Bedeutung: „Als Kapitänin der Mannschaft steht sie für unsere Philosophie, Spielerinnen aus der Region an die TGN zu binden. Sie ist seit unserem Aufstieg in die Zweite Liga Teil des Teams, zwischenzeitlich unverzichtbar und schreibt eigentlich eine kleine Cinderella-Story.“ Angesprochen auf diese vermeintliche „Cinderella-Story“ sagt Wieder schmunzelnd: „Diese Beschreibung habe ich so auch noch nicht gehört.“
Die entscheidende Phase der Saison
Anstatt mit Eigenlob beschäftigt sich die 29-Jährige lieber mit Handball. Zum 30:26-Erfolg ihrer Mannschaft am vergangenen Wochenende gegen den HSV Solingen-Gräfrath 76, gegen den Nürtingen in der Hinrunde noch verloren hatte, sagt Wieder: „Wir haben uns in der ersten Halbzeit ein bisschen schwergetan. Mit unserer Heimstärke im Rücken haben wir aber einen kühlen Kopf behalten und in der entscheidenden Phase weniger Fehler als Solingen gemacht.“
Am kommenden Sonntag (16 Uhr) ist die TG Nürtingen dann beim abstiegsbedrohten TSV Bayer 04 Leverkusen zu Gast, der dem Tabellenführer HC Leipzig am vergangenen Wochenende einen Punkt abluchste. Entsprechend gibt Wieder vor, den Gegner „auf gar keinen Fall unterschätzen“ zu wollen. Daraufhin spielt die TGN gegen den ESV 1927 Regensburg (Platz sieben), den HC Rödertal (Platz drei) und den HC Leipzig (Platz eins).
Fakt ist: Die TG Nürtingen hat die Lizenz für die Handball Bundesliga Frauen (HBF) beantragt. Ein „super Zeichen, was Vertrauen schenkt und zeigt, was uns zugetraut wird“, sei dies gewesen, meint Wieder, um direkt anzufügen: „Für uns als Mannschaft ist der Aufstieg aber nicht das Oberziel. Es bringt nichts, bis in den Mai zu gucken. Wir schauen von Woche zu Woche.“ Nächstes Ziel: Leverkusen.
Dir gefällt, was du hier liest?
Ich stecke viel Herzblut und Zeit in die Recherche und die Interviews für das Logbuch Sport. Wenn dir meine Texte einen Mehrwert bieten, freue ich mich über eine freiwillige Unterstützung via PayPal, um dieses Projekt weiterbetreiben zu können. Jeder Betrag hilft mir direkt dabei, die Kosten zu decken und weiterhin unabhängig zu berichten.