Karriere im Eiltempo: Wie Linus Schmid sein Ziel Nationalmannschaft ansteuern will
Die Abwehrarbeit gilt als seine große Stärke, doch Linus Schmid (links) möchte nicht auf sie reduziert werden. Foto: TVB Stuttgart/Marco Wolf
Im vergangenen August feierte Linus Schmid den U19-WM-Titel, im Februar folgte der Profivertrag beim TVB Stuttgart bis 2028. Der rasante Aufstieg bringt jedoch auch Herausforderungen mit sich: Schmid spricht offen über Anpassungsprobleme im System von Trainer Mischa Kaufmann – und sein Ziel, in der A-Nationalmannschaft zu spielen.
Den 17. August 2025 wird nicht nur Linus Schmid vom TVB Stuttgart nicht so schnell vergessen. Die deutsche U19-Nationalmannschaft traf im WM-Finale in Kairo auf Spanien und lieferte sich in einen Handball-Krimi, der erst im Sieben-Meter-Werfen entschieden wurde. Auch dieses ging in die Verlängerung. Erst als Finn Knaack den siebten spanischen Siebenmeter parierte, war klar: Deutschland ist Weltmeister. „Es war eines der härtesten, längsten und intensivsten Spiele, die ich je gespielt habe“, erinnert sich Linus Schmid.
Spätestens seit diesem 41:40-Sieg ist kein Geheimnis mehr, dass im deutschen Handball vielversprechende Talente heranwachsen. Auch der angesprochene Jahrgang 2006 hat einiges zu bieten, so hat beispielsweise Rasmus Ankermann einen Vertrag bis 2030 beim THW Kiel unterschrieben. Und auch im Kollektiv funktioniert es: Die neue U20 besiegte in den vergangenen Tagen Norwegen mit 43:28 und 34:30. Schmid war im ersten Spiel mit fünf Treffern der drittbeste deutsche Werfer.
Der linke Rückraumspieler, der eher durch Leistung als durch große Reden auffällt, erzählt: „Wir verstehen uns alle ganz gut abseits vom Feld, was sehr viel bringt, weil man dort auch andere Dinge macht als Handball. Ich denke, das harmoniert bei uns ganz gut. Der Lehrgang war insgesamt ganz gut. Wir haben davor noch einige Trainingseinheiten gehabt.“ Die Vorbereitung auf die EM in Rumänien, die zwischen dem 8. und 19. Juli ausgetragen wird, stand im Vordergrund. Ohnehin konnte Schmid den WM-Titel „längst realisieren“. Mittlerweile liegt sein voller Fokus auf der EM und auf dem TVB Stuttgart.
In Rekordzeit vom Nachwuchs in die Bundesliga
Schmid stammt aus einer Handball-Familie. Opa, Vater, Mutter, beide Brüder: Alle sind Handballer. Linus Schmid begann beim TSV Köngen, für den einst auch schon seine Mutter spielte, mit dem Handball. Über JANO/Filder kam er vor der Saison zum Drittligisten TSV Neuhausen/Filder, wurde aber mit einem Zweitspielrecht für den TVB Stuttgart ausgestattet. Bemerkenswert: Am 31. Mai spielte Schmid noch im Finale der A-Junioren Bundesliga, nur etwas mehr als dreieinhalb Monate später stand er gegen Frisch Auf! Göppingen erstmal in der HBL auf dem Feld. Im Februar unterschrieb der bei den Schwaben einen Vertrag bis 2028 und ist seither fester Bestandteil der Bundesliga-Mannschaft.
„Es ist natürlich schon sehr besonders. Ich hätte niemals gedacht, dass das so schnell gehen würde. Ich hatte gedacht, dass ich erst einmal ein Jahr mindestens mittrainieren muss, bis ich in einem Spiel die Chance bekomme. Dass ich dann so schnell meine Chance kriege und die dann auch ein Stück weit erfüllen kann, ist natürlich ein Riesenschritt. Das freut einen wirklich“, betont Schmid. Während Schmid beim TSV Neuhausen/Filder 68 Tore in 18 Spielen warf und direkt einen großen Anteil daran hatte, dass der Verein eine starke Saison spielte, tat er sich beim TVB Stuttgart zunächst schwer.
Startschwierigkeiten in Stuttgart
Beim TVB wird ein Spielsystem praktiziert, das Schmid als „Vier-Angriff-System“ bezeichnet. Er gibt zu: „Es eine Umstellung, 60 Minuten in diesem System zu spielen. Es ist aber auf jeden Fall keine schlechte Idee.“ Trainer Mischa Kaufmann setzt vier Rückraumspieler im Angriff ein. Zwei von ihnen sollen das Spiel in die Breite ziehen, so dass in der Mitte viel Raum für Eins-gegen-Eins-Duelle entsteht. Es ist ein Spielsystem, das sich immer mehr verbreitet. Kaufmann war allerdings Vorreiter, nutzte dieses System schon in seiner Zeit beim ThSV Eisenach. Auch weil Schmid aufgrund seines Abiturs einige Trainings und Taktikbesprechungen verpasste, war es für ihn zunächst schwierig, sich diesem Spielsystem anzupassen. Hinzu kommt, dass Schmid vor allem im Bereich Schnelligkeit noch Verbesserungspotenzial hat.
Seine Stärken liegen ohnehin eher in der Abwehr, was die Frage aufwirft, ob Coach Kaufmann, der großen Wert darauf legt, die Stärken der Spieler zu stärken, wie er jüngst in einem Interview mit Handball-World preisgab, Schmid nicht zum Abwehrspezialisten machen will. Zunächst wurde dieser ja auch lediglich in der Abwehr eingesetzt. Mittlerweile beginnt sich das aber zu ändern. Schmid nutzte seine begrenzte Spielzeit immerhin auch schon zu drei Toren und drei Assists. Er selbst lässt keine Zweifel daran aufkommen, dass er auch im Angriff eingesetzt werden will: „Da gibt es nur eine Antwort. Auf jeden Fall möchte ich beide Seiten spielen.“
Auf dem Weg in die Nationalmannschaft?
Weil Lenny Rubin den TVB Stuttgart nach der Saison verlassen wird, könnten Schmids Spielanteile in der kommenden Saison wachsen. Möglicherweise bekommt er ja auch in den letzten drei Saisonspielen, die tabellarisch kaum noch eine Bedeutung für den TVB haben, noch die ein oder andere Spielminute. Flensburg, Göppingen und Erlangen werden die Gegner sein. Anfang März gewann Stuttgart zwar gegen den THW Kiel, aber Unentschieden gegen die Kellerkinder Bergischer HC, Wetzlar und Minden trüben den Gesamteindruck. Dennoch ist es bereits als Erfolg zu werten, dass die Bittenfelder in dieser Saison nichts mit dem Abstieg zu tun haben.
Für Schmid geht es dabei nicht nur um mehr Spielzeit im Verein, sondern auch um seine langfristige Entwicklung. Als einer von nur 19 Spielern ist der 19-Jährige Teil des DHB-Elitekaders. Die Sportler in diesem Kader werden über den Sport hinaus individuell betreut. In der Vergangenheit schafften es über 80 Prozent der Talente aus diesem Kader in die A-Nationalmannschaft. Entsprechend stellt Schmid klar: „Die A-Nationalmannschaft ist auf jeden Fall ein Ziel. Ob es realistisch ist, weiß ich nicht. Da sind die nächsten Jahre entscheidend.“
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