TVB-Profi Kasper Thorsen Lien wünscht sich neuen Bundesliga-Modus
Zeigt, warum er unter anderem für seine Sprungkraft bekannt ist: TVB Stuttgart-Profi Kasper Thorsen Lien. Foto: TVB Stuttgart / Marco Wolf
Kasper Thorsen Lien feiert mit dem TVB Stuttgart einen sensationellen 36:32-Sieg gegen die SG Flensburg-Handewitt. Der 25-jährige norwegische Nationalspieler bezeichnet den Sieg als „historisch“, blickt auf seine erste Saison in Deutschland zurück und erklärt, wie er den Modus der Bundesliga verändern würde.
Ein „sehr schöner Sieg“ sei das am vergangenen Sonntag gewesen, meint Kasper Thorsen Lien vom TVB Stuttgart. Der 25-Jährige ordnet den 36:32-Erfolg gegen die SG Flensburg-Handewitt sogar als „historisch“ ein, was bei nur zwei Siegen in 22 direkten Duellen zwischen diesen beiden Vereinen nicht mal zu hoch gegriffen scheint. Am 8. Dezember 2023 hatte der TVB die SG Flensburg-Handewitt mit 34:31 besiegt.
So überraschend der Sieg für die seit Anfang März sieglosen Süddeutschen auch gewesen sein mag, unverdient war er keineswegs. Zu spielfreudig agierte der TVB in der ersten Halbzeit, zu nervenstark waren sie, als der Gegner in der zweiten Halbzeit zurückkam. Auch weil Lenny Rubin mit seinen vielen Varianten Flensburg vor große Probleme stellte, entstanden auf den Außenpositionen für Patrick Zieker, Kasper Thorsen Lien und Jakob Nigg erstaunlich große Räume. Zumal die Stuttgarter aufgrund ihrer breiten Spielanlage dann dort oftmals eine Überzahlsituation vorfinden.
„Die Struktur war wirklich gut“, hob Lien hervor. Der Norweger genießt es, mit vielen Spielern zusammenzuspielen, die dazu in der Lage sind, direkt Duelle zu gewinnen. Zieker münzte diese an diesem Tag sehr guten Umstände für die Außenspieler in fünf Tore um, Lien machte vier und Nigg zwei Treffer.
Das Duell um die Rechtsaußenposition
Lien und Nigg liefern sich auf der Rechtsaußenposition ein enges Rennen. Der Norweger hat die leicht bessere Wurfquote, der Österreicher Nigg führt die Torstatistik mit 71:68 an und hat sich in der zweiten Saisonhälfte immer mehr Spielzeit erarbeitet. Zuletzt wechselten sich die beiden Spieler immer wieder ab. „Es ist ein nettes Duell, ein gutes Duell“, meint Lien. „Er ist ein guter Spieler und natürlich denke ich auch, dass ich ein guter Spieler bin. Wir treiben uns gegenseitig an. Ich mag es mit ihm zu arbeiten und sein Kollege zu sein.“
Die Unterschiede zwischen den beiden Kontrahenten sind offensichtlich. Lien ist mit seinen 1,92 Metern und 94 Kilogramm physischer als der 1,84 Meter große und etwa 85 Kilogramm schwere Nigg. Daher überrascht es wenig, dass sich Lien als „ziemlich athletische(n) Außenspieler“ bezeichnet. Er bewegt sich schnell, springt gut, muss aber noch an seinen Schwächen im Defensivspiel arbeiten. Aktuell verteidigt er auf der Außenposition eins. Mit seiner Physis ist der Rechtsaußenspieler aber auch prädestiniert für die Halbverteidigerposition zwei. In Zukunft hofft er daher, auf beiden Positionen zu verteidigen.
Verrückte Erfahrungen
Liens neue Defensivqualitäten wären auch für die norwegische Nationalmannschaft von Vorteil. Für diese erzielte Lien bei der Heim-WM 2025, seinem ersten großen Turnier mit dem Nationalteam, immerhin 15 Tore in sechs Spielen. Genauso wie bei der Heim-EM in diesem Jahr reichte es trotzdem nicht zu einer Medaille. Mehr noch, für eine Handballnation wie Norwegen sind die Plätze zehn und neun bei den letzten Großereignissen enttäuschend.
Lien erinnert sich mit gemischten Gefühlen an die Turniere zurück: „Es war ein verrückter Spaß und eine verrückte Erfahrung. Ich habe viele Gefühle. Es ist wirklich etwas Großes, ein Welt- oder eine Europameisterschaft für deine Nation zu spielen. Es waren viele Familienmitglieder und viele Freunde dort, das ist wirklich speziell. Wir haben aber leider nicht die Ergebnisse erreicht, die wir erreichen wollten. Am Ende ist es aber etwas wirklich Großes, zu Hause bei so einem Turnier zu spielen.“
Wo steht Norwegens Handball?
Die 28:30-Niederlage gegen Deutschland ist ihm besonders in Erinnerung geblieben. DHB-Keeper Andreas Wolff brachte die Håndballgutta, die Handball-Jungs, wie die norwegische Männernationalmannschaft in der Heimat auch genannt wird, mit 22 Paraden zur Verzweiflung. „Es war an diesem Tag eine Kombination daraus, dass wir besser werfen müssen und dass Andreas Wolff einer der besten Torhüter der Welt ist“, erinnert sich Lien. Für ihn sind es die „kleinen Details“, die der Mannschaft fehlten.
Angesichts einer 14-Tore-Pleite gegen Dänemark, einem Vier-Tore-Defizit gegen Frankreich, einem Remis gegen Portugal und einem knappen Sieg gegen Spanien scheint Norwegens Handball zwar konkurrenzfähig, aber keineswegs so stark wie noch vor einigen Jahren.
Ein neuer Modus für die Bundesliga?
Lien feierte sein Länderspieldebüt am 5. Januar 2021 gegen Belarus. Damals spielte der in Fredrikstad geborene Südnorweger noch für Halden HK, im selben Jahr wechselte er zu Elverum. Elf Meisterschaften in Folge reihte Elverum zwischen 2012 und 2022 aneinander, 2022 gewann Lien mit dem Verein sogar das norwegische Triple.
Neben dem Meister und dem Pokalsieger wird in Norwegen auch ein „Sluttspillvinnere“ ermittelt – also ein Playoff-Gewinner. Nachdem alle Mannschaften gegeneinander gespielt haben, stehen der Meister und der Champions-League-Teilnehmer Norwegens fest, dann spielen die besten acht Mannschaften in den Play-offs im Modus Best-of-three einen weiteren Titel aus. Es ist ein Format, dem Lien viel abgewinnen kann: „Um ehrlich zu sein, mag ich dieses Playoff-System sehr. Das ist ja so ein bisschen wie in der NBA oder wie im Eishockey. Das bringt viele Taktiken ins Spiel. Du kannst viele Dinge von Spiel zu Spiel verändern, es gibt viele Spiele im Spiel. Ich finde das wirklich witzig. In Deutschland ist die Saison länger. Das ist auch gut, aber ich denke, es wäre spaßig mit Playoffs.“
Inwieweit dieser norwegische Modus in der Bundesliga, in der es ohnehin schon zahlreiche, intensive Spiele gibt, Sinn macht, ist eine andere Frage. Während in der Bundesliga 18 Mannschaften spielen, sind es in Norwegen nämlich nur 14. In Deutschlands Eliteliga, das betont Lien, musst du in jedem Spiel „scharf sein. Du kannst dich nicht ausruhen“. In Elverum hingegen habe es zwischen den Champions-League-Spielen auch weniger harte Spiele gegeben. Für ihn war dies die größte Umstellung in Deutschland. Von einer ähnlichen Beobachtung erzählte bereits Liens Landsmann Axel Skaarnæs im Interview mit Logbuch Sport. Skaarnæs sprach auch darüber, welche Dinge der deutsche Handball von Norwegen lernen kann und umgekehrt.
Adrenalin im Blut
Bei allen Playoff- und Champions League-Diskussionen: Der TVB Stuttgart steht aktuell auf Platz zwölf, ist von großen europäischen Aufgaben also noch ein ganzes Stück entfernt. Das tabellarisch bedeutungsarme Bundesliga-Spiel bei Frisch Auf! Göppingen ist aber dennoch ein großes Thema für Lien: „Das bedeutet uns viel. Es ist ein Derby. Es ist wichtig für uns und den Verein.“
Zwar bezeichnet sich der Norweger, der 2021 mit einem Freund Fallschirmspringen war, nicht als Adrenalin-Junkie, er betont aber: „Im Handball hast du auch sehr viel Adrenalin in den großen Spielen. Ich mag dieses Gefühl natürlich sehr, sehr gerne.“ Da passt es gut, dass sein Duell mit Jakob Nigg in die nächste Runde geht: Nigg hat seinen Vertrag im März bis 2029 verlängert, Liens Arbeitspapier beim TVB Stuttgart läuft bis 2027.
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