HSG Konstanz-Trainer Ralf Bader rechnet ab: „Die 3. Liga gehört radikal aussortiert"
Macht sich Gedanken über die Zukunft des deutschen Handballs: HSG Konstanz-Trainer Ralf Bader. Foto: Michael Elser/HSG Konstanz
Ralf Bader wurde am 4. Januar als Trainer der HSG Konstanz vorgestellt. Der 45-Jährige spricht im Interview mit „Logbuch Sport“ darüber, was die HSG Konstanz von den allermeisten anderen Vereinen unterscheidet, wieso er von seinem Spielsystem überzeugt ist und wie er die 3. Liga fundamental verändern würde.
Herr Bader, für einen Steckbrief auf der Webseite der HSG Konstanz wurden Sie gefragt, was ihre Aufgabe im Team sei. Ihre Antwort: Für Ordnung sorgen. Wie chaotisch ist ihre Mannschaft denn?
Ralf Bader: Natürlich war das im Spaß gemeint. Wir haben keine chaotische, sondern eine witzige Mannschaft. Die Spieler sind sehr gut organisiert. Aber wir können die Frage auch eher auf den Handball beziehen: Es zieht wirklich jeder mit.
Als Sie am 4. Januar als Cheftrainer der ersten Mannschaft vorgestellt wurden, bezeichneten Sie die Aufgabe als „unglaublich spannend“. Was genau reizt Sie und ist Ihnen die Freude zwischenzeitlich abhandengekommen? Stichwort Verletztenmisere.
Ralf Bader: Ich trenne das komplett voneinander. Der Verein ist grundsätzlich spannend, ich habe das ja zuvor bereits als Nachbar erlebt. Ich wohne zwei Minuten von der Halle entfernt und habe auch schon vor meiner Trainertätigkeit ein paar Leute aus dem Verein kennengelernt. Der Verein ist extrem verwurzelt in der Stadt. Sehr viele Kinder tragen HSG-Bekleidung. Außerdem engagiert sich der Verein sehr im sozialen Leben. Ich habe sowas noch nie erlebt, dass ein Handball-Verein daran so teilnimmt. Ich finde es sehr positiv, dass so viele Kinder die HSG am Herzen tragen. Das sind auch für uns als Verein Chancen. Ab dem Alter von drei, vier Jahren werden sehr viele Kinder von der HSG betreut, die dann mit sieben oder acht Jahren mit dem Handball anfangen. Im Herrenbereich sind wir schon ein bisschen eine Fahrstuhlmannschaft zwischen zweiter und dritter Liga. Mit unseren Ressourcen wollen wir es in die zweite Liga schaffen und dort ein fester Teil werden. Das haben wir von Anfang an so besprochen, dass das das mittelfristige Ziel ist.
Mit der Kinderbetreuung sprechen Sie den sogenannten Handball-Sport-Garten an. Das müssen Sie unseren Lesern nochmal genauer erklären.
Ralf Bader: Im Sport-Garten werden Kinder zwischen drei und sechs Jahren drei- bis viermal in der Woche für mehrere Stunden betreut. Es gibt Wartelisten ohne Ende, weil es einfach ein brutal gutes Angebot ist. Die Kinder erlernen sportmotorische Fähigkeiten und Spielfähigkeiten. Das ist nicht nur für Handball gedacht. Außerdem lebt der Verein Inklusion und beim Weihnachtssingen ist einen Abend lang die Halle voll. Also die HSG engagiert sich auch im kulturellen Leben. Im Sommer wird der Verein zudem Mitorganisator beim Landesturnfest sein. Man muss lange suchen, um einen Verein zu finden, der sich so engagiert.
Was Sie auch erwähnen, ist, dass Sie als „Motivator“ motivierte Menschen „unglaublich“ motivieren. Nun ist es ja so, dass kaum jemand immer motiviert ist. Wie schwierig ist es, als Trainer immer die richtige Ansprache zu finden, insbesondere wenn ein Spieler mal nicht so gut drauf ist?
Ralf Bader: Für einen Trainer gibt es nichts Schlimmeres, als wenn er zu Beginn des Trainings der Motivierteste ist. Dieses Problem gibt es häufig im bezahlten Sport, wenn es am Ende der Saison um nichts mehr geht. Dieses Thema gibt es in Konstanz nicht. Natürlich hat jeder mal einen schlechten Tag, wir sind auch nur Menschen. Aber wir haben so viele positive Charaktere in der Mannschaft. Ich vergleiche das manchmal mit einem kleinen Feuer, das jemand mitbringt und mit dem er dann mehrere andere Spieler anzündet. Ich habe eine Mannschaft, die absolut Vollgas geben will. Das motiviert mich noch mehr. So entsteht eine Atmosphäre, in der etwas entstehen kann. Ich habe auch schon erlebt, dass das anders laufen kann.
Als Spieler liefen Sie sowohl für den VfL Pfullingen als auch für den TV 1893 Neuhausen in der Bundesliga auf. Welche Erfahrungen aus ihrer Spielerkarriere sind für Sie als Trainer besonders wertvoll?
Ralf Bader: Ich habe mir auch schon oft darüber Gedanken gemacht, was ich aus meiner Spielerkarriere mitgenommen habe. Generell habe ich extrem viel rausgepickt und von jedem Trainer, den ich hatte, etwas mitgenommen. Am Ende musst du aber deinen eigenen Weg gehen. Als Spieler siehst du Dinge natürlich immer ein bisschen anders als als Trainer. Als Trainer musst du immer sehr reflektiert sein. Du musst dir auch mal die Frage stellen: Wo standen wir vor einem Jahr? Insgesamt ist es aber schwierig zu sagen, was das Wichtigste war, das ich aus meiner Spielerkarriere mitgenommen habe. Ich habe ja nur für zwei Teams gespielt. Ich hatte das Glück in Teams zu spielen, bei denen es darum ging, als Gemeinschaft fast schon als Freundeskreis zu agieren. Beide Teams waren absolute Underdogs und haben es dennoch in die erste Liga geschafft. Das zeigt mir, dass man mit der richtigen Einstellung viel erreichen kann.
Geschäftsführer Andre Melchert lobte im Interview mit Logbuch Sport die körperliche Verteidigung ihres Teams. Eine ganz andere Herangehensweise wählt beispielsweise ihr Ex-Verein TV Großwallstadt in der 2. HBL, bei dem es mehr darum geht zu spekulieren und Bälle abzufangen. Wieso haben Sie sich für Ihre Herangehensweise entschieden?
Ralf Bader: Es gab ein größeres Problem, als ich zur HSG Konstanz kam. Das habe ich mit Daniel Eblen (Co-Trainer, Anm. der Red.) identifiziert. Wir haben dann eine 180-Grad-Wende gemacht, indem wir immer die Zweikämpfe gesucht haben. Wenn du auf Ballgewinne spekulierst, reagierst du immer auf den Gegner. Wenn du aber die Zweikämpfe suchst, merkst du, dass du etwas tun musst und aktiv sein musst. Die ersten Erfolge mit dieser Herangehensweise haben eine Kettenreaktion ausgelöst. Das Selbstvertrauen kam zurück.
Auch im Angriff wird Ihnen eher ein strukturierter Ansatz nachgesagt. Wo ziehen Sie die Grenzen zwischen Risiko und Kontrolle?
Ralf Bader: Letzten Endes ist jeder Abschluss im Handball ein Risiko. Es hängt auch immer damit zusammen, wie der Gegner verteidigt. Grundsätzlich versuche ich den Spieler ein kontrolliertes Risiko vorzusetzen. Wir haben mit allen Spielern viel am Pass- und Lauftiming gearbeitet, damit das funktioniert. Gegen Balingen war das dann auch kein Problem, was nicht so zu erwarten war in diesem Spiel. Das zeigt mir, dass wir selbstbewusst auftreten können. Aus dieser kontrollierten Struktur heraus entstehen dann im Laufe des Spiels aber auch freiere Lösungen. Das baut sich auf. Am Ende ist aber nicht alles planbar. Es ist nicht so, dass ich jeden Schritt vorgebe.
Lassen Sie uns auf das aktuelle Geschehen blicken. Zuletzt gab es den bereits erwähnten 32:19-Sieg gegen HBW Balingen-Weilstetten II. Dennoch hat man den Eindruck, dass die allerletzte Konstanz noch fehlt.
Ralf Bader: Klar als Trainer wünscht man sich immer Berechenbarkeit. Es gehört aber auch dazu, dass man gewisse Dinge akzeptiert. Unser Weg geht gerade erst los und er endet hoffentlich erst in ein paar Jahren. Es gehören aber immer Höhen und Tiefen dazu. Es gibt noch zu viele Themen, in denen wir noch zu wenig gefestigt sind. Man muss aber auch bedenken, dass wir aktuell acht oder neun Verletzte Spieler haben.
Die HSG liegt auf Rang 8. Allerdings beträgt der Rückstand auf die SG Pforzheim/Eutingen fünf Spieltage vor dem Ende der Saison nur drei Punkte, Pfullingen ist nur zwei Punkte voraus. Die möglichen Teilnehmer der Aufstiegsrunde sind nach zahlreichen Rückziehern anderer Vereine also noch in Reichweite. Ist da noch etwas möglich?
Ralf Bader: Wer mit 22 Minuspunkten in die 2. Bundesliga aufsteigen will, dem ist nicht zu helfen. Man will nicht als Sechster aufsteigen, weil die anderen Mannschaften keine Lust haben. Das ist ein großes Problem in der 3. Liga. Ich kann das nicht nachvollziehen, wenn der Tabellenerste zum Beispiel nicht aufsteigen will. Aber um die Frage zu beantworten: Nein, ich beschäftige mich nicht mit einem Aufstieg.
Verstehe ich das richtig, dass Sie eher die Vereine in die Pflicht nehmen als den Verband?
Ralf Bader: Ich bin da natürlich nicht so nahe dran, aber vielleicht ist es auch ein strukturelles Problem. Vielleicht ist der Handball auch zu schnell, zu professionell geworden. Die Anforderungen an Zweitligisten sind hoch, vielleicht sollte der DHB das überdenken. Ich finde allerdings auch, dass die 3. Liga radikal aussortiert gehört. Es sollte nur noch zwei Staffeln geben, das wäre die einzige logische Schlussfolgerung. Dann hätte man auch nicht mehr das Problem, dass man als Erster nicht weiß, ob man aufsteigt. Bis man es weiß, ist bereits Anfang Juni. Dann bekommst du viele Spieler nicht mehr.
Um nochmal zur HSG Konstanz zurückzukommen. Wo sehen Sie den Verein mittelfristig?
Ralf Bader: Es muss sich natürlich schon noch einiges entwickeln. Der ein oder andere gute Jugendspieler ist auch bereits von uns weg gewechselt in der Vergangenheit, da müssen wir uns schon hinterfragen. Es wäre gut, wenn wir eine Basis von fünf bis zehn Spielern aus dem eigenen Verein in der ersten Mannschaft hätten. Das müsste theoretisch möglich sein. Andere Vereine haben das vorgemacht. Wir müssen dieses Potenzial nur noch filtern und entwickeln. Wir haben schon die Möglichkeiten, immer besser zu werden. Standorte wie Dormagen oder Hüttenberg machen es vor.
Das Interview führte Lukas Bergmann.
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