Zwischen WM-Frust und Final-Fokus: Kadetten-Coach Hrvoje Horvat im Interview
Hrvoje Horvat war zwischen Januar 2021 und Januar 2023 Trainer der kroatischen Handball-Nationalmannschaft. Foto: Andre Frensel
Vor dem ersten Finalspiel in der Schweizer Quickline Handball League zwischen Schaffhausen und dem HC Kriens-Luzern spricht Kadetten-Trainer Hrvoje Horvat im Interview mit „Logbuch Sport“ über den Fokus im mentalen Bereich, die verpasste WM-Qualifikation der Schweizer Nationalmannschaft und die Nachwuchsarbeit bei den Eidgenossen.
Was am vergangenen Sonntag im italienischen Faenza passierte, passte so gar nicht zur Aufbruchstimmung, die sich im Schweizer Handball in den vergangenen Jahren entwickelt hat: Im Playoff-Rückspiel unterlag die Schweizer Nationalmannschaft von Trainer Andy Schmid mit 31:38 gegen Italien. EAuch Hrvoje Horvat ist das nicht entgangen. Der 48-Jährige gewann mit den Kadetten Schaffhausen zwei Meisterschaften und zweimal den Schweizer Pokal, leitete aber auch bereits Trainingseinheiten an der Suisse Handball Academy in Schaffhausen. Bevor er die Kadetten zum Saisonende nach drei Jahren verlässt, hat sich der ehemalige Cheftrainer der HSG Wetzlar Zeit für ein Gespräch mit „Logbuch Sport“ genommen.
Herr Horvat, am Sonntag um 17 Uhr wird in der BBC Arena Schaffhausen das erste Finalspiel zwischen den Kadetten Schaffhausen und dem HC Kriens-Luzern angepfiffen. Vorfreude oder Anspannung: Wie ist ihre Gefühlslage?
Hrvoje Horvat: Vor dem Finale kommt Planung ins Spiel. Alles wird auf ein höheres Niveau gestellt. Aber wir müssen uns vorbereiten, als wäre es ein normales Spiel. Da darf man auch nicht übertreiben, da muss man beide Füße auf dem Boden behalten, denn derjenige, der den kühleren Kopf bewahrt, der hat bessere Chancen den Titel zu holen.
Wie wollen Sie erreichen, dass Ihre Mannschaft einen kühlen Kopf bewahrt? Schließlich können Sie die Gedanken Ihrer Spieler nicht steuern.
Hrvoje Horvat: Wir arbeiten in diesem Bereich das ganze Jahr über. Wir wissen, wie wir mit der Situation umgehen. Da muss man sehr vorsichtig sein mit dem Reden und Verlangen. Natürlich ist das etwas, was man trainiert und lernt. Das ist eigentlich unsere Stärke, dass wir es schaffen, in diesen hitzigen Situationen Ruhe zu bewahren und unbeeindruckt zu bleiben, wenn es schwierig ist. Lob an die Mannschaft, das zeigt, dass wir einen guten Charakter haben.
Das letzte Spiel in der Halbfinal-Serie gegen den BSV Bern fand am 2. Mai statt. Somit liegen 22 Tage zwischen dem Halbfinale und dem Finale. Sehen Sie diese ungewöhnlich lange Pause als Vor- oder Nachteil?
Hrvoje Horvat: Das ist auch etwas, worüber ich mit der Mannschaft viel rede. Das ist keine Ausrede. Wir haben genauso lange Pause wie Kriens. Man muss damit umgehen. Natürlich ist es nicht optimal, aber wir machen das Beste daraus. Wir bereiten uns vor und trainieren fleißig, wissen um was es geht. Man darf über solche Kleinigkeiten nicht viel nachdenken. Uns ist bewusst, dass die Pause lang ist. Wir starten von null und haben die gleiche Ausgangsposition wie Kriens.
Nach zuletzt vier Meisterschaften in Serie und sieben Punkten Vorsprung in der Hauptrunde geht ihre Mannschaft sicherlich als Favorit in die Finalserie. Spüren Sie den Druck, den diese Ausgangssituation mit sich bringt?
Hrvoje Horvat: Druck ist ein Privileg. Druck macht einen besser, wenn man damit umgehen kann. Ich bin froh, dass ein bisschen Druck kommt. Als Trainer kann das sicherlich in eine gute Richtung verwandelt werden. Druck kann nützlich sein. Das ist auch ein Teil von unserem Job als Trainer, dass wir Druck von der Mannschaft wegnehmen beziehungsweise so viel Druck auf unseren Rücken laden, wie wir es brauchen, so dass es für die Spieler dann leichter ist, auf der Platte zu performen.
Auch in Deutschland standen Sie unter Druck – allerdings im Abstiegskampf. Dort sind Sie vielen aufgrund ihrer Zeit bei der HSG Wetzlar bekannt, wo sie zwischen Dezember 2022 und April 2023 arbeiteten. Der Verein trennte sich allerdings von Ihnen, weil Sie sich mit den Kadetten Schaffhausen bereits über einen Vertrag für die nächste Saison geeinigt haben sollen. Wie blicken Sie auf Ihre Zeit in Deutschland zurück?
Hrvoje Horvat: Das ist schon lange her. Ich blicke nicht gerne so weit zurück. Aber das war für mich eine gute Zeit, um zu lernen. Ich habe dort viele gute Leute kennengelernt, auch einen super Psychologen mit Axel. Ich habe das genutzt, um mich zu verbessern. Alles was gut ist, kann dir weiterhelfen.
Insbesondere auf europäischem Niveau, wo Fehler noch schneller bestraft werden. In der European League beendete ihre Mannschaft hinter ihrem Ex-Verein RK Nexe Našice den zweiten Platz in der Gruppe H. In der Hauptrunde war dann unter anderem gegen den TSV Hannover-Burgdorf und Fredericia HK Schluss. Wie bewerten Sie das Abschneiden im Europapokal?
Hrvoje Horvat: Wir haben unser Ziel, die erste Runde zu überstehen, erreicht. Wir wussten, dass die Gruppe herausfordernd ist. Man musste um jedes Tor und um jeden Punkt kämpfen. In der zweiten Gruppe hatten wir gute Mannschaften aus Dänemark und Deutschland gegen uns. Wir wissen, wie gut die deutschen und die dänischen Mannschaften in diesen Wettbewerben sind. Am Ende hat zu Hause gegen Fredericia ein Tor gefehlt. Ich glaube, wir haben gute Spiele gezeigt und eine super Saison gehabt. Manchmal fehlt ein bisschen Glück, manchmal fehlt ein bisschen Erfahrung und manchmal fehlt ein bisschen Qualität. Das gehört alles dazu. Wenn du gegen die Deutschen und die Dänen spielst, zählt jeder Millimeter. Wir können aber sagen, dass wir eine gute Saison gespielt haben.
Im Halbfinale um die Schweizer Meisterschaft erzielte Kapitän Luka Maros im zweiten Spiel zwölf Tore. Toptorjäger Óðinn Ríkharðsson machte im dritten Spiel elf Buden, acht davon vom Sieben-Meter-Strich. Wie wichtig sind diese beiden Spieler für ihre Mannschaft und wie geht es Maros, nachdem dieser ja die Länderspiele aufgrund von Fußproblemen verpasste?
Hrvoje Horvat: Das ist auch einer der Gründe, warum wir die Gruppenphase nicht überstanden haben. Luka Maros hatte sich verletzt und hat uns in diesen entscheidenden Spielen enorm gefehlt. Wir haben in Našice gewonnen, dann zu Hause ohne ihn verloren. Dann wieder in Fredericia gewonnen und dann wieder ohne ihn zu Hause verloren. Es ist ziemlich schwer, den Captain zu ersetzen. Natürlich ist bei uns jeder Spieler enorm wichtig und jeder hat seine Rolle, aber Captain ist Captain. Ohne Lukas Maros haben wir im Angriff ein bisschen weniger Varianten. Er hat jetzt eine lange Pause gemacht, wegen dieser Schmerzen im Fuß. Ab morgen wird er versuchen, ein bisschen zu laufen und mitzutrainieren, damit wir sehen, wie der Fuß auf Belastung reagiert und ob er überhaupt im Finale spielen kann.
Ein echtes Finale war auch das WM-Qualifikationsspiel der Schweizer am vergangenen Wochenende gegen Italien. Durch die 31:38-Niederlage verpasste die Schweiz die Weltmeisterschaft. Ist das ein Symptom eines generellen Problems oder würden Sie das als Ausrutscher abhaken?
Hrvoje Horvat: Da bin ich traurig, das muss ich zugeben. Ich bin mir sicher, dass die Schweiz eine höhere individuelle Qualität als Italien hat. Man hat sicher damit gerechnet, dass die Italiener zu besiegen sind. Man muss da jetzt eine gute Analyse machen und ein gutes Fazit herausziehen, warum das zustande gekommen ist. Viel daraus lernen, damit das in Zukunft nicht mehr passiert. Ich finde das schade, weil die Schweiz in letzter Zeit mit der Nationalmannschaft Schritte nach vorne gemacht hat. Natürlich überrascht uns so ein Ergebnis und macht uns, die in der Schweiz im Handball arbeiten, traurig. Das ist klar.
Welchen Grund sehen Sie denn für das Ausscheiden?
Hrvoje Horvat: Es ist nicht korrekt über diese Distanz darüber zu reden. Ich bin nicht involviert und dort drin. Dann ist es schwer von außen zu sagen, was da schiefgelaufen ist. Der Trainer und der ganze Staff muss das analysieren, weil die Europameisterschaft kommt in die Schweiz. (2028 wird die EM in der Schweiz, Spanien und Portugal ausgetragen, Anm. der Red.) Das ist enorm wichtig für den Schweizer Handball, enorm wichtig für die Jugend hier und für den Handball in der Schweiz. Weil das eine Gelegenheit ist, den Handball hier in der Schweiz noch eine Stufe höher zu setzen als in den letzten zwei Jahren, als wir bereits Schritte nach vorne gemacht haben. Also Analyse und dann alle Energie in Richtung EM zu Hause steuern.
Das scheint aber nicht unbedingt ein Problem der Liga zu sein, denn die Liga ist ja durchaus recht konkurrenzfähig oder wie schätzen Sie das ein?
Hrvoje Horvat: Ja, man hat in den letzten Jahren gesehen, dass mehrere Vereine da sind – nicht nur die Kadetten Schaffhausen. Kriens ist da, Bern hat in den letzten Jahren eine gute europäische Geschichte geschrieben. Es kommen immer mehr Mannschaften auf dieses Niveau. Man sieht auch, dass die Spieler aus der Schweizer Liga in Richtung Deutschland gehen. Das ist ein guter Weg für die Schweizer Liga. Sie ist europa-tauglich, sie produziert, es kommen junge Spieler nach, die sich weiterentwickeln. Das ist ein gutes Zeichen für die Eltern und die Kinder, die dem Handball verbunden sind.
In Schaffhausen befindet sich ja auch die Suisse Handball Academy, das einzige nationale Leistungszentrum im Schweizer Handball. Konnten Sie sich dort bereits einen genaueren Eindruck vom Nachwuchs verschaffen?
Hrvoje Horvat: Natürlich ist man hier mit der Suisse Handball Academy verbunden. Ich habe dort auch einige Trainings geleitet. Sie haben hier ein System, an dem jahrelang gearbeitet wurde. Jeder versucht etwas Neues reinzubringen. Viele Kinder sind in dieser Akademie. Man arbeitet dort viel und hat gute Bedingungen. Die Halle steht morgens und abends verfügbar. Solche Punkte sind wichtig für den Handball in der Schweiz. Mittlerweile gibt es auch andere Akademien in der Schweiz. Das ist gut, dass man diese Basis verbreitert. Man muss schauen, wie sich der Handball in Europa entwickelt und dann diese Schritte mitgehen.
Sie haben mit den Kadetten Schaffhausen zwei Meisterschaften und zwei Pokalsiege gefeiert. Was wird Ihnen besonders in Erinnerung bleiben, wenn Sie irgendwann auf diese drei Saisons zurückblicken?
Hrvoje Horvat: Die Truppe, die ich hier trainiere. Es ist wirklich ein Privileg, solche Charaktere in der Mannschaft zu haben. Auf was ich besonders stolz bin, ist, dass wir eine kleine Familie gebildet haben. Das macht und natürlich sehr, sehr stark. Diese Verbundenheit, die wir haben, das ist das, auf das ein Trainer stolz sein kann. Natürlich freut man sich über jeden Sieg. Wenn man so eine Atmosphäre in der Mannschaft hat, freut man sich auch auf jedes Training und nicht nur über die Titel. Die Titel sind nur Produkte, von dem, was wir zusammengebaut haben.
Das Interview führte Lukas Bergmann.
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