„Erwartung ist der Anfang von Enttäuschung“ – Dominik Klein über Münchens Weg zur Handball-Macht und Weißwürste in Kiel

Dominik Klein HG München

Dominik Klein hält am Handballcampus München eine Kabinenansprache. Foto: Steffen Eirich

München ist im Sport verwöhnt – nur im Handball nicht. Das will Dominik Klein ändern. Der 187-fache Nationalspieler und Vorstand der HG München Fürstenfeldbruck spricht über die Gründe für die Flaute, neue Perspektiven – und Weißwürste in Kiel.

Zu sagen, Sportfans in München seien verwöhnt, wäre beinahe eine Untertreibung. Zumindest wenn man die Fans der Roten und nicht die der Blauen fragt. Der FC Bayern München gewinnt im Fußball reihenweise Trophäen, die Basketballer des FC Bayern heimsten seit 2018 sieben Titel ein und der EHC Red Bull München gehört im Eishockey zu den Topmannschaften mit vier Meisterschaften zwischen 2016 und 2023.

Die Münchner Handball-Flaute

Erfolge in der Sportart Handball lassen in der bayerischen Landeshauptstadt allerdings länger auf sich warten. In den 80er- und frühen 1990er-Jahren spielten der MTSV Schwabing und der TSV Milbertshofen in Deutschlands Eliteklasse eine gewichtige Rolle und wurden jeweils Vizemeister. Seither sucht man Münchner Mannschaften in der nationalen Spitze vergeblich – überraschend für einen finanzstarken Standort mit großer öffentlicher Präsenz.

Dominik Klein, Weltmeister von 2007 und Vorstand der HG München Fürstenfeldbruck, erklärt: „Da stecken viele Themen drin. Die Talente können hier nicht ihrem Traum nachgehen, sondern werden von Handball-Internaten abgeworben. Ein anderes Thema ist, dass die Schulkooperation schwierig ist. Es ist schwierig, Sport und Schule zu vereinbaren, beziehungsweise Sport und Beruf.“

Weißwurst in Kiel

Dominik Klein wohnt seit 2018 in Oberschleißheim, unmittelbar nördlich von München. Seine Frau Isabell Klein, 91-fache deutsche Nationalspielerin (!), stammt von dort. Die beiden haben zwei Kinder, Freunde und Familie wohnen in der Gegend. „Ich bin hier schon sehr verwurzelt“, betont Klein daher.

Klein stammt aus Obernburg in Unterfranken, spielte zehn Saisons beim THW Kiel, mit dem er dreimal die Champions League gewann. Weißwürste sind ihm dann aber doch lieber als Fischbrötchen: „Selbst während meiner Zeit in Kiel habe ich gewusst, dass es ein gutes Spiel wird, wenn jemand Weißwürste zum Frühstück mitbringt. Insgesamt habe ich mich schon sehr an die Kultur gewöhnt und angepasst.“

Perspektiven

Der ARD-Handballexperte ist seit September 2019 Geschäftsführer der BHV Marketing GmbH. Im Februar 2021 gründete er den Handballcampus München, eine Bewegungsinitiative, die bereits etwa 1000 Kinder pro Woche in den Kindergärten und Schulen Münchens bewegt. Aus diesem Handballcampus entstand die Handballgemeinschaft München. „Ein eingetragener Verein, der Talenten aus der Region eine Perspektive geben soll, damit wir die Geschichte vom Handball-Campus weiter verfolgen und weiter begleiten können“, sagt Klein.

Aus diesem Grund geht die HG München nun mit dem TuS Fürstenfeldbruck eine Spielgemeinschaft ein. Klein ist 1. Vorstand, als 2. Vorstand fungiert Steffen Weinhold, Europameister von 2016. „Ich bin mehr der Energizer, der die Vision mitgibt und der Kommunikator ist“, sagt Klein. Das Medienecho auf die neue Spielgemeinschaft sei groß gewesen.
Allerdings stellt sich die Frage, warum ein solches Projekt nicht schon früher angestoßen wurde – schließlich ist das Potenzial in München groß, wie die Talente aus der Region zeigen.

Startschuss

„In den letzten Jahren hat sich einiges zusammengeführt“, sagt Klein. Beim Supercup 2025 im Münchner SAP Garden wurden die Bemühungen
konkreter, was auch an Kleins Freund Martin Wild liegt, denn die Initiative für den Zusammenschluss kam aus Fürstenfeldbruck. Wild ist langjähriger Trainer der Brucker Panther. Klein sagt über ihn: „Martin Wild ist das Gesicht der Brucker Panther. Er hat diese Identität aufgebaut. Deswegen ist das schon immer im Gespräch gewesen. Was können wir machen? Wie kriegen wir Handball in München gemeinsam nach oben?“

Die Spielgemeinschaft will die Kräfte bündeln, um die Talentförderung besser aufbauen zu können. Außerdem sei es für die Handballgemeinschaft wichtig gewesen, „eine Zielmannschaft“ zu haben. Auch finanzielle Aspekte könnten eine Rolle spielen. Die Spielgemeinschaft hat mit dem Schuhhersteller HAIX bereits einen neuen
Sponsor gefunden, dieser firmiert unter dem Namen „Gründungspartner“. Klein betont aber, dass der Startschuss für das Projekt nicht von einem Sponsor ausging.

Ohnehin klingt es nicht so, als gingen Klein und Co. von einem Durchmarsch in die Bundesliga aus, auch wenn das Ziel Bundesliga bereits klar benannt worden ist. „Wir sprechen von einer Gipfeltour, auf der der ein oder andere Berg zu erklimmen ist. Da eine seriöse Jahreszahl dahinter zu packen, ist schwierig“, meint Klein, der
Metaphern wie Gondeln und Erdrutsch wählt, um diese Gipfeltour zu beschreiben.

Bob Hanning und die Frage nach der DNA

Bob Hanning, Geschäftsführer der Füchse Berlin, hat mit seinem Verein eine Entwicklung genommen, wie man sie sich in München wünscht. Aus einem Zweitligisten entstand eine Mannschaft von Weltformat. Klein hält die Situation zwar nicht für direkt vergleichbar, tauschte sich beim DHB-Pokal Final 4 aber mit Hanning aus – inklusive Glückwünschen und angebotener „Hilfestellungen“.

Doch gegenüber der Süddeutschen Zeitung betonte Hanning auch, dass man in einer Großstadt schneller Erfolge vorweisen müsse, als an kleineren Standorten. Der Zeitdruck sei größer. Klein meint dazu: „Das liegt ja im eigenen Ermessen, was für eine Erwartungshaltung man an sich hat. Erwartung ist der Anfang von Enttäuschung. Wir werden das aber mit all der Leidenschaft und Power angehen, die uns zur Verfügung steht, dann wird man sehen, wie weit das Gaspedal durchgedrückt werden kann.“

Für den 42-Jährigen hat die DNA der Spielgemeinschaft eine große Bedeutung für die Entwicklung: „Wenn Vereine, Spieler und Trainer diese DNA verinnerlichen, dann können wir den Weg Stück für Stück nach oben gehen, glaubt Klein. Für ihn geht es um „Werte in der Persönlichkeitsentwicklung. Handballer sollten immer diese DNA behalten, für die sie stark angesehen werden: Nahbarkeit, einen respektvollen Umgang, Disziplin, Emotionen und Leidenschaft für das,
an dem man Spaß hat.“ Außerdem gehe es darum, ein Bewusstsein für den Körper und die mentale Gesundheit zu schaffen. Das Thema Verletzungsprävention ist ihm beispielsweise sehr wichtig.

Eine neue Handball-Macht?

Ein wichtiges Thema für die nachhaltige Entwicklung eines Vereins ist natürlich auch die Infrastruktur. Zur Saison 2027/28 will die Spielgemeinschaft nach München umziehen, weil die Wittelsbacher Halle in Fürstenfeldbruck dann für ein Jahr renoviert wird. In welche Halle, ist noch nicht festgelegt. Für die Olympischen Spiele steht der Bau einer Multifunktionshalle im Raum. „Wir wollen das Ganze parallel aufbauen, um dann bestenfalls für so eine Auslastung zu sorgen, dass Handball in
München dauerhaft vor großem Publikum gespielt werden kann“, betont Klein in diesem Zusammenhang. Kann in München nachhaltig etwas bewegt werden? „Sonst würden wir das nicht machen“, sagt Dominik Klein und lacht.

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