TVG-Trainer André Lohrbach: „Man darf den Blick dahin nicht vermeiden, nur weil es unangenehm ist“

Andre Lohrbach TV Großwallstadt

André Lohrbach spielte von 2009 bis 2017 in der Bundesliga. Zwischen 2019 und 2024 trainierte er den Drittligisten TSV Altenholz, eher er zum TV Großwallstadt wechselte. Foto: TV Großwallstadt 

Der TV Großwallstadt beendet die Saison in der 2. Handball-Bundesliga auf Platz zwölf. Während er seinen Urlaub mit der Familie in Griechenland verbringt, spricht Trainer André Lohrbach mit Logbuch Sport über die Verletztenmisere, seine Defensivtaktik und schwierige Personalentscheidungen.

Herr Lohrbach, die Sommerpause in der 2. Handball-Bundesliga ist vergleichsweise kurz. Wie fordernd ist dieser Job für Sie persönlich?

André Lohrbach: Im Endeffekt ist es eine sehr fordernde und lange Saison. Wir arbeiten elf Monate durch mit einer kurzen Winterpause, deswegen ist es jetzt schon mal gut, dass jetzt Urlaub ansteht. Durchatmen und Kräfte sammeln ist immer sehr wichtig. Weil man diesen Beruf ja gerne sehr lange ausüben möchte, ist eine gute Erholungsphase, um gestärkt in die neue Saison zu gehen, unglaublich wichtig. Die nutze ich vollkommen aus – auch wenn als Trainer natürlich in der Sommerpause einige organisatorische Dinge geregelt werden müssen. Die Vorbereitung muss geplant werden, neue Spieler kommen an, Pläne müssen geschrieben werden. So ganz ohne Arbeit ist auch die Sommerpause nicht.

Mit einem munteren 32:32 beim HSC 2000 Coburg geht es in die angesprochene Sommerpause. Wie haben Sie das Spiel gesehen?

André Lohrbach: Sehr gut – insbesondere mit den vielen Verletzten. Wir hatten wieder einmal mehr Spieler neben der Bank sitzen als auf unserer Wechselbank. Dann verletzt sich nach 15 Minuten Mario Stark noch und kann die ganze zweite Halbzeit nicht spielen. Mit diesem dezimierten Kader bin ich sehr zufrieden, dass wir uns noch einmal belohnen konnten mit etwas Zählbarem, nachdem wir in den letzten drei Spielen oft nah dran waren und mit einem Tor verloren haben und auch schon mehr Punkte verdient hätten. Unter diesen Umständen war das noch einmal eine Belohnung für die Spieler. Ich bin damit sehr zufrieden.

Nach neun Spielen stand man auf Rang sieben, am Ende ist es Platz zwölf. In der Vorsaison war man Elfter mit sieben Punkten mehr als in dieser Runde. Wie bewerten Sie die Spielzeit 2025/26?

André Lohrbach: Damit kann ich mich vielleicht nicht anfreunden, aber ich kann akzeptieren, wie es ausgegangen ist. Aufgrund der vielen Probleme, die es während der Saison gab, insbesondere der Personalprobleme, ist es in Ordnung, wie es gekommen ist. Natürlich sind es sieben Punkte weniger, aber das ist alles irgendwo erklärbar, maßgeblich natürlich mit den vielen Verletzungen. Wenn man sich die ersten neun Spiele anschaut, dann sind wir eigentlich sehr gut in die Saison gestartet. Den Entwicklungsschritt, den wir uns erhofft haben, haben wir gemacht. Wir hatten 11:7 Punkte, sind im Pokal weitergekommen. Ab diesem Zeitpunkt stand nie wieder der gesamte Kader zur Verfügung. Auch da hatten wir schon einige Verletzte, konnten das aber noch besser kompensieren. Den Schritt nach vorne, den wir vielleicht auch tabellarisch machen wollten, war zu dem Zeitpunkt schon gar nicht mehr realistisch, so dass dann in der Rückrunde nur noch der Klassenerhalt im Fokus stand. Den haben wir ja zum Glück drei Spieltage vor Schluss geschafft, so dass man einen Haken darunter machen kann. Das Ziel hat man erreicht und das ist okay so.

Muss man auf diese Verletzungen noch einmal genauer schauen oder haken Sie das unter dem Motto „Unglücklich gelaufen“ ab?

André Lohrbach: Das schließt sich nicht aus. Verletzungen, die man von der Trainingssteuerung hätte vermeiden können, hatten wir sehr wenige, fast gar keine. Nichtsdestotrotz bin ich der Meinung, dass man da trotzdem kritisch hinschauen muss, um eine Lösung zu finden, wie man noch besser werden kann in der Prophylaxe, was Trainingsanpassungen angeht. Da sind wir mit dem Physio- und Ärzteteam im Austausch und werden eine Analyse machen, was wir hätten besser machen können. Was dann im Ergebnis dabei rauskommt, ob man da Sachen hätte anders machen können oder ob dann viele Verletzungen dabei sind, die zum Sport dazu gehören, das wird man sehen. Mein Gefühl sagt mir, dass bei einer gebrochenen Hand, einem Kreuzbandriss, einer Abnutzung im Knie, einer Abnutzung in der Schulter, einem Schlag auf die Nervenbahn am Hals viel dabei ist, wo wir viel Pech hatten. Nichtsdestotrotz muss eine Analyse immer ergebnisoffen sein und man sollte nicht, nur weil es unangenehm ist, den Blick dahin vermeiden.

Ben Connar Battermann sprach mit Logbuch Sport über die Defensivtaktik Ihrer Mannschaft, in der es insbesondere darum geht, aggressiv zu verteidigen und Pässe abzufangen. Warum setzen Sie auf diese Taktik?

André Lohrbach: Im Endeffekt ist es eine Gesamtphilosophie des aktiven Verteidigens, um Ballgewinne zu erzeugen und den Gegner unter Druck zu setzen, um daraus den größtmöglichen Profit zu schlagen. Das eher passive, defensive Verteidigen, das noch vor 20 Jahren und als ich noch Spieler war, praktiziert wurde, hat sich mit der Änderung der Spielweise als nicht mehr erfolgsversprechend erwiesen, da die Spieler fast ausschließlich nur noch in Eins-gegen-Eins-Situationen agieren. Das ist eine Logikaufgabe: Je näher man am eigenen Sechs-Meter-Raum verteidigt und ein Eins-gegen-Eins verliert, desto wahrscheinlicher ist es, dass der Gegner von sehr nah am Tor werfen kann oder einen Sieben-Meter holt. Deswegen ist man heute gezwungen, sehr viel offensiver und aggressiver zu verteidigen, um Ballgewinne zu haben.

1111 Gegentore kassierte ihre Mannschaft in dieser Saison – der fünfthöchste Wert der Liga. Hinzu kommen mit Abstand die meisten Roten Karten (14) und die zweitmeisten Zwei-Minuten-Strafen. Welche Bedeutung messen Sie solchen Zahlen bei?

André Lohrbach: Diese Statistiken habe ich mir auch angeschaut. Die Roten Karten sind hauptsächlich aus der Hinrunde. Auch was Zeitstrafen angeht, haben wir uns in der Rückrunde ein bisschen verbessert. Darüber habe ich mir auch Gedanken gemacht, ob dieses Thema eine Bedeutung hat und ein Ansatzpunkt ist. Dann habe ich aber auch gesehen, dass Mannschaften wie Balingen, die Meister geworden und aufgestiegen sind, auch sehr weit oben sind bei den Zeitstrafen. Man müsste tiefer in die Analyse gehen, um zu sehen, welche Muster erkennbar sind. Man würde dann schnell darauf kommen, dass die individuelle Qualität im Abwehrbereich mit vielen jungen Spielern vielleicht noch nicht so hoch ist. Dort ist noch viel Potenzial, das auszuschöpfen ist, um Eins-gegen-Eins-Duelle deutlich sauberer zu gestalten und keine Zeitstrafen zu bekommen. Ich denke, eine generelle Ableitung aus dieser Zeitstrafen-Statistik ist schwierig. Balingen ist in dieser Statistik zweiter und steigt in die Bundesliga auf.

Maximilian Horner erklärte gegenüber Logbuch Sport, dass der TVG entschieden habe, ohne ihn in die neue Saison zu gehen. Welche Überlegungen standen hinter dieser Entscheidung, insbesondere vor dem Hintergrund, dass Horner ja auch gute Leistungen gezeigt hat?

André Lohrbach: Absolut, er hat definitiv gute Leistungen gezeigt. Bei Max haben wir uns dagegen entschieden, den Vertrag zu verlängern. Ich bin aber trotzdem sehr froh, dass er im Saisonverlauf weiterhin maximalen Einsatz gezeigt hat, sich weiterhin voll in den Dienst der Mannschaft gestellt hat und wirklich gute Leistungen gezeigt hat. Wir haben uns vor dort für einen etwas defensivstärkeren Spieler entschieden. Mit Jannek Klein haben wir uns für einen Spieler entschieden, der mit seiner Mentalität die Mitspieler mitreißen kann. Von ihm erhoffen und erwarten wir uns eine Führungsrolle in der Mannschaft. Er hat ein bisschen ein anderes Spielerprofil. Max hat seine Stärken im Angriff, im Eins-gegen-Eins. Jannek ist ein sehr solider Angriffsspieler, der eine gewisse Wurfstärke mitbringt, aber vor allem seine Stärken im Defensivbereich hat. Das war für uns der Grund, warum wir uns dort verändern wollten.

Einer der Neuzugänge ist Torhüter Žiga Urbič von den Eulen Ludwigshafen. Seine Paradenquote lag in der vergangenen Saison bei 27,3 Prozent und war damit im Ligavergleich nicht herausragend hoch. In der Pressemitteilung zu seiner Verpflichtung haben Sie seine Stärke bei freien Würfen hervorgehoben. Wie läuft bei Ihnen die Bewertung eines Torhüters ab und welche Faktoren geben letztlich den Ausschlag?

André Lohrbach: Zum einen würde ich freundlich widersprechen und sagen, dass seine Paradenquote im Ligavergleich wirklich ordentlich ist und er bei der Anzahl der Paraden auf Platz zehn der Liga ist. Von dem her ist es schon so, dass wir jemanden geholt haben, der in den letzten Jahren sehr stabil und auf hohem Niveau Leistung gezeigt hat in der zweiten Liga. Wir sind mit aktuell 22 Prozent die schlechteste Mannschaft in der zweiten Liga, was die Paradenquote angeht. Natürlich kann man nicht automatisch davon ausgehen, dass Ziga in der nächsten Saison 27 Prozent der Bälle bei uns hält, das ist mir schon klar. Wenn man aber ansatzweise damit rechnen würde, wären das über eine gesamte Saison fünf Prozent mehr gehaltene Bälle. Wir haben vorhin darüber gesprochen, wie viele Spiele wir mit einem Tor verloren haben. Dann kann man eins und eins zusammenrechnen, was das bedeutet hätte. Wir hatten ein klares Profil. Wir wollten jemanden, der die Liga kennt. Wir wollten jemanden, der Stärken im Eins-gegen-Eins hat, sowohl bei Bällen von außen als auch vom Kreis. Das haben wir bei ihm gefunden, deswegen sind wir sehr froh, dass er sich für uns entschieden hat. Wir sind uns sicher, dass er uns in der nächsten Saison verstärken wird und zum Erfolg beitragen wird.

Die U23 steigt in die Oberliga auf, die A-Jugend in die 2. Bundesliga und B-Junioren in die Bundesliga. Theo Buchinger wird aus der U19 in die 2. Bundesliga aufrücken zur kommenden Saison. Merken Sie Fortschritte im TVG-Nachwuchs über die Ergebnisse hinaus?

André Lohrbach: Das ist eine sehr erfreuliche Entwicklung. Die Jugendarbeit hatte vor vier, fünf Jahren einen Neustart, nachdem das brach gelegen hat. Diese Erfolge sind maßgeblich den Trainern, die viel Arbeit und Qualität reinstecken, zuzuschreiben und natürlich auch den Spielern, die sich toll entwickelt haben. Da sind wir sehr froh. Die A-Jugend spielt jetzt das erste Jahr wieder in der  2. Bundesliga, die B-Jugend in der Bundesliga. Der Aufstieg der U23 ist auch sehr gut, es gibt damit wieder deutlich mehr Möglichkeiten, junge Spieler zu fördern. Wir haben dieses Jahr schon viele Spieler aus der A- und B-Jugend in den Trainingsbetrieb der Bundesligamannschaft integriert, wovon sie sehr profitiert haben. Wir profitieren als Verein und als Bundesligamannschaft im Endeffekt davon, wenn wir von unten immer wieder Spieler nachholen können, die auf die etablierten Spieler Druck machen. Ich hoffe, dass dieser Trend so fortgeführt werden kann. Doch so positiv das alles ist und so freudig die Ergebnisse und die Entwicklungen sind: Von der nationalen Spitze und einem Top-Leistungszentrum sind wir noch ein gutes Stück entfernt, was auch normal ist, weil in den letzten Jahren erst wieder versucht wurde, das Ganze aufzubauen. Die ersten Schritte wurden gemacht. Das ist äußerst positiv für den gesamten Verein.

Also sehen Sie eine nachhaltig positive Entwicklung.

André Lohrbach: 100 Prozent. Ich kenne die Strukturen und kriege das ja alles mit. Ein kleines Beispiel dafür: Die B-Jugend hat die Meisterrunde erreicht und die C-Jugend ist Hessenmeister geworden. Das bedeutet, dass dort schon die nächsten Spieler in der Pipeline sind, die in der A-Jugend-Bundesliga spielen und vielleicht die nächsten Bundesliga-Verträge unterschreiben, nach Theo Buchinger. Man darf aber auch nicht den Fehler machen, da jetzt zu große Erwartungen aufzubauen. Zwischen 2. A-Jugend-Bundesliga und 2. Bundesliga bei den Männern ist ein Riesenschritt. Ich weiß aber zum Beispiel auch, dass beim Kinderhandball beim e. V. gute Arbeit geleistet wird und wir viele Kinder haben, die zum Handball kommen. Das sieht für mich nicht so aus, als ob man jetzt nur ein, zwei starke Spieler oder Jahrgänge hätte, sondern dass da strukturell im Hintergrund gut gearbeitet wurde.

Wenn Ende August die neue Saison in der 2. Handball Bundesliga beginnt – auf was für einen TV Großwallstadt dürfen sich die Fans dann freuen, und welche nächste Entwicklungsstufe wollen Sie mit dem Team im Sommer zünden?

André Lohrbach: Wir werden auf jeden Fall eine deutlich verjüngte Mannschaft sehen, die nach wie vor sehr schnellen, leidenschaftlichen und kämpferischen Handball spielen wird und die in jedem Spiel ihre Chance suchen wird. Wir haben einige Talente, die die nächsten Entwicklungsschritte machen wollen. Unsere Fans können sich auf eine Mannschaft freuen, die immer alles geben wird und sich für den Verein auf dem Spielfeld zerreißen wird.

Das Interview führte Lukas Bergmann.

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