Nachwuchs, Infrastruktur, Politik: Ronja Jenike über die Zukunft des Frauen-Eishockeys

Ronja Jenike DEB Frauen-Eishockey

Hat sichtlich Spaß an ihrem Job: DEB-Leistungssportreferentin Ronja Jenike. Foto: DEB/ City-Press

Die ehemalige Nationalspielerin Ronja Jenike ist heute beim Deutschen Eishockey-Bund für das Frauen-Eishockey verantwortlich. Im Interview mit ‚Logbuch Sport‘ spricht die 36-Jährige über Nachwuchsförderung, strukturelle Probleme und politische Rahmenbedingungen.

Als wir mit Ronja Jenike sprechen, ist sie gerade auf dem Weg nach Kaufbeuren. Was sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Die deutsche Frauen-Eishockey-Nationalmannschaft gewinnt an diesem Tag vor 1308 Zuschauern mit 5:1 gegen die Schweiz. Ohnehin hat sich die Nationalmannschaft für das deutsche Frauen-Eishockey zu einem starken Antreiber entwickelt. Der Zuschauerzuspruch ist hoch, bei den Olympischen Spielen erreichte die Mannschaft das Viertelfinale – ein
großer Erfolg nach einer zwölfjährigen Olympiaflaute.

Die ehemalige Nationalspielerin und aktuelle TV-Expertin bei MagentaSport ist heute Leistungssportreferentin Frauen beim Deutschen Eishockey-Bund (DEB) – eine Funktion, die sie selbst als vergleichbar mit der einer Sportdirektorin beschreibt. In dieser Rolle arbeitet sie an der Schnittstelle zum Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), dem International Olympic Committee (IOC) und der International Ice Hockey Federation (IIHF). Zudem ist sie für die Deutsche Frauen-Eishockey-Liga (DFEL) verantwortlich. „Alles, was Frauen-Eishockey angeht, landet bei mir auf dem Tisch“, sagt Jenike.

Frau Jenike, schaut man sich die DOSB-Bestandserhebung 2025 an, so fällt auf, dass nur 3155 von 26.431 DEB-Mitglieder am Stichtag, dem 1. Januar 2025 weiblich waren. Eine solch große Diskrepanz zwischen Männern und Frauen gibt es in den meisten anderen Sportarten nicht. Warum ist das so?

Ronja Jenike: Unser Passsystem geht von 0 bis 60 Jahren. Wir haben deutlich mehr Männer im Verhältnis, die Eishockey spielen als Frauen. Zunächst einmal muss man sagen, dass das sicher auch ein gesellschaftliches Thema ist, weil Eishockey vom Image her ein bisschen robuster angehaucht ist. Auf der anderen Seite muss man auch festhalten: Es ist eine sehr teure Sportart. Das ist nicht geschlechtsspezifisch, aber es ist eine sehr teure Sportart, die mit weiten Fahrten verbunden und sehr zeitintensiv ist. Das kann insgesamt eine Hürde darstellen bei der Wahl der Sportart.

Welche Rolle spielt es, dass Mädchen in der Jugend in Jungsmannschaften spielen müssen?

Ronja Jenike: Reine Mädchenmannschaften gibt es gar nicht. In den meisten Fällen haben wir gar nicht genügend Mädchen in einem Verein, die in einer Altersklasse eine Mannschaft stellen könnten. Daher müsste man dann mit anderen Vereinen zusammenarbeiten, um so gemeinsam Mannschaften zu stellen.   Da sind wir dann bei der Infrastruktur: Eiszeiten sind rar und begehrt. Unser Ziel muss es sein, Mädchen gerade nach der U15 gemeinsam auf das Eis zu bringen und in regionalen Teams zu bündeln.

Wagen wir den Sprung an die nationale Spitze. Bei den Olympischen Spielen in Mailand erreichte die deutsche Frauen-Mannschaft das Viertelfinale. Wie bewerten Sie das Abschneiden?

Ronja Jenike: Wir haben uns bis ins Viertelfinale gespielt und haben dann gegen den Vize-Olympiasieger verloren. Das ist dann schon absolut in Ordnung. Nach langer Zeit haben wir wieder die Olympischen Spiele erreicht, was eine logische Konsequenz der guten Arbeit der letzten Jahre ist. Die Qualifikation war für uns ein sehr großes Ziel und sehr wichtig. Das war ein großer Erfolg. Dass man dann im Viertelfinale ausscheidet, ist akzeptabel. Natürlich willst du als Sportler immer gewinnen. Aber nochmal: So wie das gelaufen ist, war das ein akzeptabler Turnierverlauf.

Die USA und Kanada spielen in einer eigenen Liga. Warum sind diese Nationen den Europäern so weit enteilt und was kann man von ihnen lernen?

Ronja Jenike: Klar, mitnehmen kann man immer etwas. Aber man muss ganz klar festhalten, da wir von rund 3000 Mädchen und Frauen gesprochen haben, die in Deutschland Eishockey spielen. In Kanada spielen über 100.000 Mädchen Eishockey. Das ist eben einfach auch eine Auswahl, die sie treffen können, die wir in Deutschland gar nicht haben. Da haben wir eher in Europa Nationen, mit denen wir uns versuchen müssen zu vergleichen und zu messen. Das sind Nationen wie Finnland, Schweden, die Schweiz und Tschechien. Jede Nation hat ein bisschen etwas, was man abschauen kann, aber Copy & Paste bei irgendeinem System zu machen, macht keinen Sinn. Weder für den Nachwuchs noch für die Nationalmannschaft. Wir sollten sicherstellen, dass wir unseren individuell geprägten Ansatz konsequent beibehalten.

Das klingt so, als sei es das zentrale Thema, Mädchen zum Eishockey zu bringen.

Ronja Jenike: Das Recruiting ist überhaupt nicht unser Problem. Wir haben viele Mädchen aus dem unteren Bereich und sehen, dass dort wirklich ein gutes Wachstum herrscht. Aber am Ende des Tages stoßen wir auch infrastrukturell an unsere Grenzen. Das ist nicht nur ein weibliches, sondern auch ein männliches Problem. Die Eishallen sind rar, teilweise marode und sind entweder in die Jahre gekommen oder für den Neubau sie sind keine Gelder da. Es ist sicherlich kostenintensiver eine Eishalle zu bauen oder zu bespielen als einen Fußballplatz oder eine Turnhalle.  Die Einnahmen einer Eishalle laufen vor allem auch über den Freilauf. Zudem wird die Eishalle auch beispielsweise noch vom Eiskunstlauf und Eisstockschießen bespielt. Gegen 14 Uhr ist wahrscheinlich der frühestmögliche Zeitpunkt, an dem etwas
passieren kann, vorher haben die Kinder Schule. Wenn man von einem Zeitraum 15 bis 20 Uhr ausgeht, dann kann man sich ja ausrechnen, wie viele Kinder man in den verschiedenen Altersklassen von der U7 bis zur U20 trainiert bekommt.

Es gibt durchaus Vereine wie die ECDC Memmingen Indians, bei denen auch die Frauen-Mannschaft gute Bedingungen vorfindet. Inwieweit kann man
die Vereine bei der von Ihnen angesprochenen Situation überhaupt in die Verantwortung nehmen?

Ronja Jenike: Wir haben ja in der DFEL nur vier Vereine.Und ja, die Verhältnisse sind sehr unterschiedlich. Man kann deswegen nicht einfach Copy&Paste machen, sondern es sind überall individuelle Lösungsansätze gefordert. Es wäre sicherlich unzutreffend zu sagen, dass jeder Verein schon am Maximum kratzt, dann wäre meine Stelle vielleicht auch nicht gerechtfertigt (schmunzelt). Das ist aber in jeder Sportart so. Einem Vereinen ein Schild vorzuhalten und zu sagen, ihr müsst mehr machen, ist auch nicht der richtige Weg. Jeder versucht und macht und tut. Man muss schauen, dass jeder Standort für sich individuell die besten Lösungen findet.

ECDC-Trainer Jim Nagle wies im Gespräch mit Logbuch Sport darauf hin, dass es schwierig sein wird, Spielerinnen in der eigenen Liga zu halten, wenn die Liga nicht vergrößert wird. Wie bewertet der DEB die Situation der Liga?

Ronja Jenike: Für uns ist wichtig, nicht einfach über das Knie gebrochen zu sagen: Ja, wir stocken die Liga um fünf Mannschaften auf, aber die fünf Mannschaften existieren dann vielleicht nur bis Januar nächsten Jahres und können danach nicht weitermachen. Es muss nachhaltig sein. Ich bin seit nicht einmal einem Jahr in dieser Position, aber ich denke, dass wir uns seitdem schon einen einigermaßen guten Plan gemacht haben, wohin die Reise gehen soll. Natürlich ist es unser Ziel, langfristig mehr Mannschaften in diese Liga zu bekommen. Dass Budapest bei uns mitspielt, ist ein absoluter Zugewinn. Ja, Budapest liegt nicht in Deutschland, aber das ist eine gute Eishockeymannschaft. Sie sind wahnsinnig engagiert und auch sehr kompromissbereit was viele Dinge anbelangt. Das ist in einer Zeit in der wir mit Planegg und Bergkamen leider zwei Vereine verloren haben, sehr wichtig gewesen, dass wir Tiefe und Qualität bekommen haben. Das ist für uns ein Wahnsinnszugewinn. Wir müssen schauen, dass wir Mannschaften heranbringen, die auf diesem Niveau mitspielen können. Momentan spielen die Mannschaften in den 2.Ligen regional. Wenn man dann auf einmal von Kempten nach Hamburg fahren müsste, hat man natürlich einen ganz anderen Reiseaufwand. Das muss nachhaltig gestaltet werden. Dass so etwas Zeit braucht, ist verständlich. Jetzt müssen wir Geduld in die Ausbildung der jüngeren Spielerinnen stecken, dass man sie nicht verliert, sondern sich darauf konzentriert, was nach der U15 mit ihnen passiert. Dass man ihnen eine Perspektive gibt, sodass sie nicht aufhören zu spielen, sondern dann vielleicht mit 19 in einer Mannschaft spielen, die dann in fünf Jahren oder wie lange auch immer, bereit ist, in der DFEL mit anzutreten.

Ist dieser Plan also auf fünf Jahre ausgelegt, oder wie ist das zu verstehen?

Ronja Jenike: Festnageln lassen wir uns da natürlich nicht (lacht). Das muss man auch ein stückweit von Jahr zu Jahr sehen.  Wir sehen jetzt, dass die Jahrgänge ab 2009 stark besetzt sind. Qualitativ wie quantitativ. Man muss schauen, dass wenn diese Mädchen im richtigen Alter sind, dass sie in der DFEL irgendwann Tiefe im Kader geben. Es ist auch ein Fakt: In den zweiten Ligen sind viele Mädchen, Frauen und junge Spielerinnen, die gar nicht mehr dazu bereit sind oder gar nicht mehr Bundesliga spielen wollen. Aber für die nachkommenden Generationen müssen wir die Ligen und Mannschaften so aufbauen, dass sie dann bereit sind in die DFEL hochzukommen.

Im entscheidenden Finalspiel war die Halle in Memmingen voll. Wieso verirrt sich zu normalen Liga-Spielen trotz des offenbar ja doch vorhandenen Interesses dann aber doch kaum jemand ins Stadion, während die Nationalmannschaft regelmäßig für große Zuschauerkulissen sorgt?

Ronja Jenike: Das Zuschauerpotenzial ist in der Nationalmannschaft riesig, das sehen wir auch an den Zahlen. Bei den Leuchtturmaktionen, die wir angefangen haben, wie dem Deutschland Cup, ist das Interesse riesengroß. Das ist eine Welle, die wir weiterentwickeln wollen. Aber momentan beschränkt sich das noch ein bisschen auf die Nationalmannschaft. Die Liga, das ist ein Punkt den wir bearbeiten müssen, bei dem wir aber auch darauf angewiesen sind, dass die Vereine das Marketing ankurbeln.

Das Beispiel des Deutschland Cups beweist, dass es sinnvoll sein kann, Frauen- und Männereishockey eine gemeinsame Bühne zu geben. Müsste es nicht deutlich mehr Kooperationen zwischen dem Männer- und dem Fraueneishockey geben?

Ronja Jenike: Ja, absolut. Das ist das, wozu wir die Vereine anhalten. Man erschließt sich damit als Verein oder als Marke ein eigenes Ökosystem, in dem Moment in dem man sich zum Frauensport committet, das muss man ganz klar festhalten. Das Interesse steigt auch von Vereinsseite, die Frauen mehr abzuholen. Da sind wir dabei, dass Maßnahmen ergriffen werden. Auch solche Maßnahmen sollten nicht überstürzt umgesetzt werden, sondern einer klaren Struktur folgen. Es gibt bereits Vereine, die entsprechende Konzepte erfolgreich anwenden: Bei den Eisbären Berlin wurden Spiele in der Uber Arena beispielsweise bereits nacheinander ausgetragen. Dieses Modell ließe sich perspektivisch weiter ausbauen und optimieren.

Mit welchem Gefühl blicken Sie in die Zukunft des deutschen Frauen-Eishockeys?

Ronja Jenike: Ich sehe dem ganzen sehr positiv entgegen. Dass das Interesse am Frauensport steigt, kann man überall sehen. Da stecken wir im Vergleich zum Fußball noch ein bisschen in den Kinderschuhen und müssen zusehen, dass wir die Schritte nach und nach machen. Kassel ist nun die erste Organisation, die die Frauenmannschaft in die GmbH integriert. Dies stellt zweifellos einen bedeutenden Meilenstein dar, den es zu beachten gilt. Hier kann man sich definitiv ein bisschen was von den Modellen der Ligen aus der Schweiz und Schweden abschauen, wo das Fraueneishockey schon auf einem professionelleren Niveau stattfindet. Das Potenzial bei uns im Nachwuchs quantitativ und qualitativ – und das ist eine sehr schöne Botschaft – ist vorhanden, und jetzt gilt es sicherzustellen, dass man die Mädchen auf dem Eis behält und sie entsprechenden weiterentwickelt.

Noch fehlen die Spielerinnen, aber halten Sie das von Ihnen angesprochene Modell aus der Schweiz und Schweden perspektivisch auch hierzulande für realistisch?

Ronja Jenike: Dass es das jemals so geben wird, glaube ich nicht. Das ist in diesen beiden Ländern eine Quotenregelung, um das
verschriene Commitment der Männermannschaften gegenüber den Frauen-Mannschaften zu haben. Wir verfügen bereits über eine relevante Anzahl an Mädchen, und insgesamt ist davon auszugehen, dass sich die Entwicklung mit wachsendem gesellschaftlichem Interesse – wie aktuell im Umfeld der Nationalmannschaft zu beobachten – weiter positiv verstärken wird. Zudem haben die Vereine die Möglichkeit, den Anteil weiblicher Zuschauerinnen sowie den Absatz von Merchandisingartikeln an Frauen präzise zu analysieren – entsprechende Auswertungen gehören im Profisport ohnehin zum Standard. Insgesamt zeigt sich dabei eine klare Tendenz: Der Anteil von Frauen, die Tickets erwerben oder Merchandise kaufen, nimmt kontinuierlich Das Verhältnis zwischen Frauen und Männern im Publikum ist bei Sportarten wie Eishockey mittlerweile fast ausgeglichen und das ist nicht nur in Deutschland so. Ich halte dieses Konstrukt, dass jede Profimannschaft zwingend eine Frauenmannschaft braucht, nicht für vollumfänglich sinnvoll, aber am Ende des Tages glaube ich trotzdem, dass jeder Profiverein seinen Beitrag leisten kann und das irgendwann auch sollte.

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