Oberliga Süd: Wird der Deggendorfer SC zum Defensivbollwerk?
Sebastian Graf stand bei den Fischtown Pinguins im Schatten von Maximilian Franzreb und Kristers Gudlevskis. Foto: Aliyah Holzapel
Nur vier Gegentore kassierte der Deggendorfer SC in den ersten vier Saisonspielen. Wir sprechen mit Goalie Sebastian Graf über Routiniers, die die Kiste bisher sauber halten und Angreifer, die Defensivarbeit verrichten. Der 24-Jährige erinnert sich vor dem vermeintlichen Topspiel gegen den ESV Kaufbeuren am Sonntag aber auch an sein unschönes DEL2-Debüt für den ESVK zurück.
An sein erstes Spiel im Erwachsenenbereich hat Sebastian Graf nicht die allerbesten Erinnerungen. Am 10. Oktober 2021 rückte Graf nach schwachem Saisonstart des ESVK in das Tor der Allgäuer. Es lief die 59. Spielminute, als Jordan Knackstedt ein Breakaway gelang und er auf Graf zulief. Dieser versuchte, dem ehemaligen Siebtrundenpick der Boston Bruins mit einem Poke Check die Puckkontrolle streitig zu machen, verfehlte die Scheibe dann aber um Handbreite und sah dabei ziemlich unglücklich aus.
„Wie konnte das passieren?“, fragt sich der 24-Jährige immer noch. Dutzende Male hat sich der gebürtige Düsseldorfer die Overhead-Perspektive des Gegentors angeschaut. Mit seinem Debüt verbindet Graf aber auch positive Emotionen: „Ich war natürlich sehr dankbar dafür, dass ich die Chance bekommen habe.“
Ein Torhüter abseits des großen Rampenlichts
2023 wechselte Graf schließlich zu den Fischtown Pinguins. Zum Einsatz kam er zwar nie, doch mit Maximilian Franzreb und Kristers Gudlevskis verstand er sich gut. „Teilweise habe ich immer noch Kontakt zu den beiden. Das war natürlich eine sehr lernintensive Phase für mich“, betont er. Zwischenzeitlich war Graf dann per Förderlizenz zu den Hannover Indians und den Stuttgart Rebels ausgeliehen.
„Stuttgart hatte eine relativ schwache Saison gespielt. Das war nicht leicht für mich und für die Mannschaft. Rhythmus und Spielpraxis sind sehr wertvoll. Wenn man die nicht hat und in ein fremdes Team reinkommt, ist es plötzlich sehr ungewohnt“, erklärt Graf. Der gebürtige Düsseldorfer kam in seinen ersten Jahren im Erwachsenenbereich nur zu wenigen Einsätzen und konnte entsprechend nur wenig Werbung für sich machen: „Da konnte man sich nie groß zeigen oder etwas auf die Elite Prospects-Seite bringen, worin ich als GM einen Wert sehen würde“, sagt Graf in dem Bewusstsein, dass es heute natürlich viele tiefgreifende Statistiken gibt, die auf Elite Prospects nicht sichtbar sind.
Neuer Verein, neue Rolle
2025 entschied er sich dazu, zum Deggendorfer SC zu wechseln. „In Bremerhaven war ich oft dritter Torwart. Das ist eine ganz andere Situation in meinen Augen, als ein vollzeitiger Backup-Goalie zu sein und auch eine bestimmte Anzahl an Spielen zu bekommen“, betont er. Der DSC hatte sich bei seinem Agenten gemeldet, um die angespannte Personalsituation nach der Verletzung von Raphael Fössinger aufzufangen.
„Ich bin dann hier hergekommen und habe mich super eingelebt. Das Team hat mich gemocht und ich habe das Team gemocht. Ich konnte gute Leistungen abrufen“, erinnert sich der 24-Jährige. Nach der Fössinger-Rückkehr im November war dann aber kein Platz mehr für ihn im Team frei, weshalb er erneut zu den Hannover Indians wechselte.
Gespräche und Rückkehr
Bereits damals habe es aber ein Gespräch mit dem Sportlichen Leiter Ibo Weissleder gegeben, in dem es darum ging, dass man in Kontakt bleiben wolle. „Dann war ich in den Playoffs nochmal hier und habe mir das fünfte Spiel im Playoff-Finale angeschaut“, erzählt Graf, der im Rahmen dessen weitere Gespräche führte. „Das war so ein bisschen eine zweideutige Absicht meinerseits“, gibt er zu.
Im Spätsommer wurde seine Rückkehr zum DSC dann finalisiert. „Ich war hier vollkommen zufrieden und wollte im Süden bleiben, die Verantwortlichen waren mit meinen Leistungen und meinem Auftreten auch zufrieden, deshalb hat das super zusammengepasst“, freut sich Graf darüber, nun wieder in Deggendorf zu sein.
Ein Sieg beim Saisondebüt
Seine Situation ist nun die, dass er in ständigem Austausch mit Trainer Casey Fratkin und dem Stammgoalie Timo Pielmeier steht. Der Spielplan wird genau analysiert und so wird dann bestimmt, in welchen Spielen Pielmeier eine Pause gebrauchen könnte. Offenbar stehen Grafs Chancen, gegen vermeintlich schwächere Gegner zum Einsatz zu kommen, besser als gegen die vermeintlichen Topgegner.
Am vergangenen Freitag kam Graf gegen den EV Füssen erstmals in dieser Saison zum Einsatz und kam dabei auf eine Fangquote von 90,9 Prozent. Deggendorf gewann das Spiel mit 5:2, Graf wurde nur einmal durch die Hosenträger und einmal mit einem abgefälschten, kaum haltbaren Schuss überwunden. Die Torschussstatistik stand am Ende bei 63:22, was ja schon einiges aussagt über die Dominanz, mit der der DSC in die Saison gestartet ist.
Was beim Deggendorfer SC bereits gut läuft
Beeindruckend ist insbesondere die Statistik, dass die Niederbayern in den ersten vier Spielen nur vier Gegentore kassierten, vier weniger als die Heilbronner Falken, das zweitbeste Team in dieser Statistik. „Ich glaube, es ist noch ein bisschen zu früh, um da endgültig zu sagen, dass das die Tendenz für die ganze Saison sein wird. Aber ich denke, wir sind als ganze Mannschaft defensiv super geprägt. Die Defensive ist generell fantastisch. Timo und ich bilden ein super Torwart-Duo und auch wenn wir mal eine Chance zulassen, das habe ich schon oft auch von der Bank beobachtet, dann laufen unsere Stürmer wirklich super in den Backcheck“, bedankt sich Graf im Namen des Goalie-Teams bei seinen Vorderleuten.
Eine weitere Statistik, die Deggendorf anführt, ist die Strafenstatistik. Nur 20 Strafminuten wurden zugelassen. „Ich glaube, wir haben noch keine Fünf-Minuten-Strafe kassiert, wo einer unfair zusammengefahren wurde“, lobt Graf.
Hinzu kommt, dass einige DSC-Neuzugänge bereits ihre Qualitäten zeigten. Zach Kaiser machte bereits drei Tore und zeigte seine Qualitäten im Eins-gegen-Eins mit dem gegnerischen Goalie. Philipp Faulhaber deutete seine Fähigkeiten unter anderem mit einem sehenswerten Rückhandpass vor dem 6:1 gegen Peiting an. Und dann ist da ja noch Routinier Manuel Edfelder, bei dem Graf regelrecht ins Schwärmen kommt: „Ich finde ihn wirklich fantastisch. Er spielt super und ist mir noch kein einziges Mal negativ aufgefallen, was für einen Verteidiger schon mal sehr positiv ist. Das macht Spaß, ihm zuzuschauen, wie er da manche Situationen löst.“
Das Goalie-Team des Deggendorfer SC
Bis man Sebastian Graf wieder zusehen kann, wird es hingegen noch ein bisschen dauern. Sollte nicht Unvorhergesehenes passieren, so wird Timo Pielmeier sowohl am Freitag im Spiel gegen Erding (20 Uhr) als auch am Sonntag beim ESV Kaufbeuren (18 Uhr) im DSC-Tor spielen. „Ich bereite mich auf die Spiele eigentlich immer gleich vor, egal, ob spiele oder nicht. Das Einzige, was sich ändert, ist, dass ich ein bisschen mehr im Ausdauer- und Kraftbereich trainiere, aber ansonsten will ich immer bereit sein“, erklärt Graf.
Der 24-Jährige scheint keinen Neid, sondern eine gute Verbindung zu Stammgoalie Pielmeier zu spüren, was auch an einer Kalifornien-Connection liegen könnte. Pielmeier machte ein Spiel für die Anaheim Ducks in der NHL, Graf spielte dort in der Jugend und profitierte von den hervorragenden Trainingsbedingungen in den USA, wie er betont. „Das verbindet vielleicht auch“, sagt Graf über das Kalifornienabenteuer der beiden, das sich zeitlich allerdings nicht überschnitt.
„Timo und ich verstehen uns super. Wir machen vor jedem Training unsere Torwartübungen. Er trägt etwas bei, ich trage etwas bei. Ich muss ihn demnächst mal fragen, wieso er eine so gute Übersicht beim Scheibenspiel hat. Das Selbstbewusstsein und Können ist teilweise unfassbar zu sehen. Es gibt viele Torhüter in höheren Ligen, die das nicht so gut beherrschen. Da kann man sich viel abschauen“, betont Graf. Er lobt außerdem den Slowaken Marian Kapicak, den dritten Goalie des DSC, der außerdem als Jugendtrainer tätig ist: „Er ist immer freundlich und immer da und hilft aus. Er hat immer ein Lächeln im Gesicht.“ Graf beeindruckt dies auch insofern, als dass er die Rolle als dritter Goalie selbst kennt und sie als „nicht immer so einfach und amüsant“ beschreibt.
Das Duell zweier Aufstiegsfavoriten
Für Graf ist wichtig, dass sein Team in jedem Spiel auf die Kleinigkeiten achtet. Nachdem Erding vergangene Woche überraschend gegen Kaufbeuren gewann, ist man vor dem Spiel am Freitag gegen Erding gewarnt. Am Sonntag geht es für Graf zu seiner alten Wirkungsstätte Kaufbeuren. „Dort ist auch immer eine ganz gute Atmosphäre. Da freue ich mich als Fan einer guten Eishockey-Rivalität darauf, dabei zu sein“ , so Graf. Das Ganze ist zwar kein Derby, aber es wird eine spannende Standortbestimmung zwischen zwei sehr ambitionierten Mannschaften.
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