Meister-Trainer Jim Nagle von den Memmingen Indians: „Wenn der DEB nichts verändert, dann wird es schwierig“
Jim Nagle stand als aktiver Spieler unter anderem für die Memmingen Indians und die Lindau Islanders auf dem Eis. Foto: Charly Perzl
Jim Nagle ist mit den Frauen der Memmingen Indians Ende März deutscher Meister geworden. Der 48-jährige Deutsch-Amerikaner spricht im Interview mit „Logbuch Sport“ über das Erfolgsrezept des Serienmeisters und Probleme des deutschen Frauen-Eishockeys sowie der Deutschen Frauen Eishockey Liga (DFEL).
Herr Nagle, herzlichen Glückwunsch zur deutschen Meisterschaft! Wie haben Sie den Titel gefeiert?
Jim Nagle: Erst einmal danke für die Glückwünsche. Nach dem Spiel haben wir ein bisschen mit den Sponsoren gefeiert. Wir waren dann noch bis um drei Uhr morgens in der Arena und hatten eine gute Zeit und viel Spaß.
Weitaus weniger Vergnügen hatten Ihre Gegner im Saisonverlauf. In den Playoffs habt ihr alle sechs Spiele gewonnen. Es war bereits der siebte deutsche Meistertitel der Memmingen Indians, der vierte in Folge. Warum ist Memmingen im Frauen-Eishockey so dominant?
Jim Nagle: Einer der Hauptgründe ist, dass der Verein ein so gutes Setup hat. Wir können fünfmal in der Woche trainieren und haben ein nettes Fitnessstudio. Das Equipment und die Infrastruktur sind wirklich gut, deswegen kriegen wir auch gute Spielerinnen. Mehr als zehn deutsche Nationalspielerinnen sind bei uns, außerdem haben wir die besten Importspielerinnen der Liga.
Welche spielerische Identität haben Sie den Indians eingeimpft?
Jim Nagle: Für uns ist die Einstellung auf dem Eis das Wichtigste. Das compete level (es gibt im Deutschen keine wortgenaue Übersetzung, Wörter wie Wettkampfhärte, Einsatzbereitschaft und Siegeswille gehen in die Richtung, Anm. der Red.) muss immer auf dem höchstmöglichen Niveau sein. Die Qualität der Spielerinnen ist groß, aber das Wichtigste für uns ist, dass jede einzelne Spielerin auf dem höchstmöglichen compete level ist.
Für Sie ist es der erste Job als Cheftrainer. Glauben Sie, dass Sie ihre Spielerinnen in dieser neuen Rolle anders wahrnehmen als in der Saison 2024/25, als Sie bereits als Co-Trainer der Indians tätig waren?
Jim Nagle: Klar habe ich in dieser Rolle viel mehr Verantwortung und mehr Entscheidungen zu treffen. Wer spielt wann? Wer spielt wo? Für die meiste Zeit hatte ich den Playoffs aber zwei Assistenztrainer. Allerdings habe ich 60 bis 70 Prozent der Trainings alleine geleitet und auch die meisten Spiele der Hauptrunde. Das war nicht so einfach. Aber insgesamt waren die Spielerinnen sehr empfänglich. Sie haben wirklich sehr hart gearbeitet.
Sie waren über 25 Jahre als Spieler aktiv, unter anderem bei den Indians. Wie beeinflussen Ihre Erfahrungen als Spieler Ihre Ansprache und Ihre Arbeit mit der Mannschaft?
Jim Nagle: Als Spieler war es mir immer wichtig, hart zu arbeiten und mit einer guten Einstellung ins Training zu kommen. Natürlich ist es nicht einfach, das an jedem einzelnen Tag zu machen. Jeder hat mal einen schlechten Tag. Wenn aber jede Spielerin 100 Prozent gibt, dann macht es richtig Spaß.
Nach so vielen Titeln: Wie schafft man es, dass nicht zu viel Selbstzufriedenheit einkehrt?
Jim Nagle: Es kamen in dieser Saison einige jüngere Spielerinnen dazu. Das hilft, die etablierten Spielerinnen zu motivieren. Natürlich ist auch die Nationalmannschaft eine treibende Kraft für die Spielerinnen. Sie wollen dort bereit sein, ihre Leistung zu bringen. Das ist auch bei uns im Training ein Thema, über das wir reden.
Was für Ziele kann man sich nach all den Erfolgen überhaupt noch stecken?
Jim Nagle: Der Meistertitel ist für uns als Verein der größtmögliche Erfolg. Sich für die Nationalmannschaft zu empfehlen, ist für die Spielerinnen aber auch ein großer Antrieb. Die Spielerinnen werden die ganze Zeit bewertet. Wir werden sehen, was passiert. Wir werden definitiv ein paar Mädels verlieren. Unser Ziel als Verein ist es auch, Spielerinnen so zu entwickeln, dass sie es in die Nationalmannschaft schaffen. Auch für uns als Verein ist das ein wichtiger Antrieb, die Spielerinnen auf ihre Aufgaben in der Nationalmannschaft vorzubereiten.
Bei den Olympischen Spielen in Mailand spielten acht Spielerinnen des ECDC Memmingen in der deutschen Mannschaft. Am Ende sprang Rang sieben heraus. Wie blicken Sie auf das Turnier zurück?
Jim Nagle: Es war für uns alle sehr aufregend, dass das deutsche Frauenteam wieder bei den Olympischen Spielen dabei war. Für uns als Verein mit vielen beteiligten Spielerinnen natürlich noch mehr. Die Mannschaft hat gute Olympische Spiele gespielt. Das Minimalziel wurde erreicht, vielleicht hätte es sogar noch besser laufen können, wenn alles perfekt gewesen wäre. Aber am Ende ist das alles sehr knapp. Kleine Dinge sind entscheidend. Insgesamt bin ich glücklich, wie unsere Spielerinnen gespielt haben. Das war ein guter und wichtiger Schritt für das Frauen-Eishockey in Deutschland.
Die Deutsche Frauen Eishockey Liga (DFEL) besteht jedoch nur aus fünf Mannschaften, davon mit HK Budapest eine aus Ungarn. Was sagt das über das deutsche Frauen-Eishockey aus?
Jim Nagle: Die Liga muss etwas machen und zwar sehr schnell, ansonsten wird es schwierig, die Spielerinnen in Deutschland zu halten. Die Liga und der DEB müssen Lösungen finden, damit es mehr Teams gibt, ob es Mannschaften aus Deutschland sind oder aus anderen Ländern. Möglicherweise müssen die Vereine dabei finanziell unterstützt werden. Oder es muss ein anderer Weg gefunden werden.
Länder wie die USA und Kanada sind deutlich weiter, nicht nur spielerisch sondern auch was die Anerkennung betrifft. In der DFEL hatte in der Hauptrunde keine einzige Mannschaft einen Zuschauerschnitt von über 100. Was muss getan werden, um das Interesse an der Sportart signifikant zu erhöhen? Müsste man möglicherweise enger mit dem Männereishockey kooperieren?
Jim Nagle: Das ist etwas, was von den Vereinen und von der Liga kommen muss. Möglicherweise sind die Männer-Teams eine Möglichkeit. Es geht darum, Märkte für Frauen-Eishockey zu finden. Wir hatten bei unserem letzten Finalspiel gegen die Eisbären Berlin fast 3000 Zuschauer in der Halle. Viele Leute kamen auf mich zu und haben mir berichtet, dass sie überrascht gewesen seien, wie gut das Spiel zum Anschauen gewesen sei. Natürlich ist es nicht so physisch wie Männereishockey, aber das Tempo ist wirklich hoch und das technische Niveau auch.
Insgesamt klingen Sie aber eher pessimistisch, was die Zukunft des Frauen-Eishockeys in Deutschland betrifft.
Jim Nagle: Pessimistisch würde ich nicht sagen, aber wenn der DEB nichts verändert, dann wird es schwierig. Dann wird die Liga schlechter werden.
Das Interview führte Lukas Bergmann.
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