„Die ersten zwei Wochen waren schlimm“ – Leif Carlsson über den Abstieg des ESV Kaufbeuren und eine neue Kultur beim SC Riessersee
Leif Carlsson genießt aktuell die Zeit mit seiner Familie in Schweden. Foto: privat
Leif Carlsson, neuer Trainer des SC Riessersee, spricht im exklusiven Interview mit Logbuch Sport über die emotionale Phase nach dem Abstieg des ESV Kaufbeuren und die neue Kultur, die in Garmisch-Partenkirchen entstehen soll. Der 61-jährige Schwede erklärt außerdem, wie er Johan Porsberger von einem Wechsel unter die Alpspitze überzeugt hat.
Herr Carlsson, Sie haben turbulente Monate hinter sich. Wie haben Sie diese Zeit persönlich erlebt?
Leif Carlsson: Es ist jetzt alles in Ordnung. Die ersten zwei Wochen nach so einer Niederlage sind immer schlimm. Ich bin schon lange dabei. Ich bin nach Schweden geflogen mit Familie und Enkelkind. Dann vergisst du die traurigen Sachen ein wenig. Heute scheint die Sonne. Es ist warm. Jetzt ist alles wieder normal. Wir genießen die Zeit jetzt.
Sie wurden am 10. April als neuer Trainer des SC Riessersee bekanntgegeben. Wieso haben Sie sich entschieden, zum SCR zu wechseln und welche Rolle spielte dabei Michael Kreitl, mit dem Sie zwischen Januar und April 2025 bereits beim ESV Kaufbeuren zusammenarbeiteten?
Leif Carlsson: Wir haben uns gut verstanden und standen auch danach immer in Kontakt. Als er den Job in Riessersee bekommen hat, habe ich ihn beglückwünscht. Ich habe ihm gesagt, dass ich verfügbar bin, wenn er einen Trainer braucht, weil ich in Kaufbeuren nur diese drei Monate habe. Dann kam eine Anfrage von Michael. Für mich ist es wichtig, dass ich ein gutes Verhältnis zum Manager und zum Geschäftsführer habe. Außerdem war ich mit meiner Frau auch schon ein paarmal als Tourist in Garmisch. Das ist ein super Ort. Ich wollte etwas Neues aufbauen. Das war perfekt für mich.
Im Gegensatz zu ihrer Zeit in Kaufbeuren, als Sie – bei allem Respekt – eher eine Art Feuermann waren, der retten sollte, was noch zu retten ist, geht es bei Riessersee darum, nachhaltig etwas aufzubauen. Das ist für Sie als Trainer ja eine ganz andere Aufgabe.
Leif Carlsson: Es ist immer gut, wenn du ein Teil einer neuen Mannschaft mit neuen Spielern sein kannst. Ich habe viel mit Michael darüber gesprochen, was eine Mannschaft braucht, wenn man einen Neustart macht. Ich finde, bis jetzt haben wir eine tolle Mannschaft bekommen. Ein paar Plätze sind noch frei. Michael arbeitet sehr hart. Das muss auch mit dem Geld passen. Wir müssen so gute Spieler bekommen, wie das mit dem Geld, das Riessersee hat, möglich ist.
Wie baut man eine Mannschaft zusammen? Gibt es gewisse Fähigkeiten und Charakterzüge, die alle Spieler mitbringen müssen oder ist es besser, wenn die Spieler sehr verschieden sind?
Leif Carlsson: Du musst schauen, was ein Eishockey du spielen willst. Willst du schnelles Eishockey spielen? Willst du offensiv oder defensiv spielen? Wir haben eine Idee, was wir wollen. Du musst dann die Spieler suchen, die diese Idee umsetzen können. Außerdem müssen es auch gute Charaktere sein. Wir wollen eine neue Kultur in Riessersee reinbringen und mit gutem Training dafür sorgen, dass wir unser Eishockey über 60 Minuten spielen können. Das bedeutet, dass es keine Zeit dafür gibt, einen Tag frei zu machen. Du musst jeden Tag arbeiten. Das ist die neue Kultur. Dafür ist es wichtig, dass ich, Michael und Markus Jocher (Co-Trainer; Anm. der Red.) wissen, was für einen Charakter ein Spieler hat.
Der SCR hat eine schwierige Saison hinter sich und zeigt sich sehr selbstkritisch. Welche Rolle spielt die Aufarbeitung der vergangenen Saison – auch im Austausch mit Michael Kreitl und Andreas Meichel – für Ihre aktuelle Arbeit?
Leif Carlsson: Ich habe mit Michael darüber gesprochen. Er war immer dabei, saß mit Jocher an der Bande. Jocher weiß viel darüber, was von unten nachkommt. Wir wollen viel auf die jungen Spieler bauen, müssen aber auch Geduld mit ihnen haben. Klar, man spricht viel darüber, was kommt. Was vorher war, das kann man nicht ändern. Jetzt müssen wir nach vorne schauen. Michael hat aber auch mit Spielern aus der letztjährigen Mannschaft neue Verträge gemacht. Diese Spieler haben den Charakter, den wir in der Mannschaft haben wollen.
Ihre vergangenen beiden Engagements beim ESV Kaufbeuren waren relativ kurz. Mit etwas mehr Kontinuität und einer richtigen Saisonvorbereitung können Sie ihre Ideen sicherlich besser umsetzen.
Leif Carlsson: Hundert Prozent. Im ersten Jahr in Kaufbeuren hat alles geklappt, das zweite Jahr war nicht so gut. Ein Teil davon ist aber auch, dass es viele Verletzungen gab. Egal in welcher Liga: Du brauchst immer die Ausländer. Wenn sie verletzt sind, ist es immer schwer. Ich bin so froh, dass ich hier von Anfang an da bin. Wir können im August anfangen, unser neues System einzuführen. Wenn ich im August nach Garmisch-Partenkirchen komme, haben wir ungefähr sechs Wochen Zeit. In Kaufbeuren habe ich die Mannschaft ungefähr für elf Wochen trainiert. In diesen elf Wochen musst du alles machen. Jetzt habe ich sechs Wochen Pre-Saison und dann beginnt erst die Saison. Ich bin sehr froh darüber, dass ich mehr Zeit habe.
Den ESV Kaufbeuren haben Sie in der vergangenen Saison in einer schwierigen Lage übernommen. Der Verein stand weit abgeschlagen am Tabellenende. Das muss für alle Beteiligten sehr hart gewesen sein. Waren Sie auch als eine Art Psychologe für die Mannschaft gefragt?
Leif Carlsson: Ja, so war das. Aber in den letzten 15 Spielen waren wir die siebtbeste Mannschaft in der Tabelle. Ich war dort für 17 Spiele plus Playdowns. Wir haben sehr gut gespielt, hatten vor den Playdowns wieder Tiefe im Kader. Das Selbstvertrauen kam dann zurück. Das war so weit unten. Es war schwierig, das wieder hochzubringen. Das hat ja bereits im Oktober angefangen, dass die Mannschaft so viel verloren hat. Aber der Kopf war dann wieder wach während der Playdowns.
Verletzungen spielen eine Rolle, aber auch die berühmten Bounces. Die Scheibe springt manchmal anders als erwartet. Fühlt man sich als Trainer manchmal machtlos?
Leif Carlsson: Natürlich ist es schwierig, wenn deine Stammspieler fehlen, aber du musst einen Weg finden. Es ist wichtig, dass du gute Spieler in der DNL hast, die vielleicht für ein paar Spiele einspringen und dir helfen können. Man muss damit rechnen, dass sich Stammspieler verletzen. Wichtig ist aber, dass sich nicht immer der gleiche Spieler verletzt. Man muss alle Energie den Spielern, die spielen können, geben.
In der Pressemitteilung heißt es, Ihre Eishockeyphilosophie basiert auf Puckbesitz. Schnelle Umschaltmomente sollen kreiert werden. Auf dem ganzen Spielfeld soll aggressiv agiert werden. Wie gehen Sie vor, um den Spielern die eigenen Ideen schnellstmöglich und bestmöglich zu vermitteln, ohne sie zu überfrachten?
Leif Carlsson: Wir haben ungefähr sechs Wochen bis zum Ligastart. Jede Woche haben wir ein Thema. Das fängt an bei der Defensive, geht über die neutrale Zone bis in die offensive Zone. Wir machen das jeden Tag, schauen uns auch im Video an, wie das aussieht, wenn es funktioniert. Wir müssen das jeden Tag trainieren. Ich und Markus müssen im Training viel reden. Wir müssen klar benennen, wenn es nicht klappt, aber auch Geduld und Verständnis für die Spieler haben. Das bedeutet viel Arbeit in jedem Training, damit wir etwas erreichen. Aber wir müssen Geduld haben. Das passiert nicht in einem Monat. Wir sind damit vielleicht Ende Oktober fertig. Dann glaube ich, dass jeder Spieler genau weiß, was er machen muss. Man muss verstehen, dass wir eine neue Kultur reinbringen wollen. Das braucht ein wenig Zeit.
Sie gewannen als Co-Trainer mit Färjestad BK zwei schwedische Meisterschaften, sammelten Erfahrungen beim EV Landshut und in Norwegen bei Comet Halden. Wie schwierig ist es, als Trainer immer mit der Zeit zu gehen?
Leif Carlsson: Ich habe Glück. Ich war hier in Färjestad über elf Jahre Trainer und sportlicher Leiter. Dann war ich zwei Jahre in Leksand, zwei Jahre in Landshut, zwei Jahre in Norwegen. Und jetzt war ich drei Monate in Kaufbeuren und dann nochmal drei Monate dort. Das war auch eine Lernzeit für mich. Ich wollte sehen, wie das funktioniert, was man in einer kurzen Zeit erreichen kann. Du musst viel Interesse und Verständnis für jeden Spieler haben. Ich habe an jedem Tag in Kaufbeuren etwas dazugelernt. Und jetzt komme ich am Anfang der Saison nach Riessersee. Ich kenne Michael, habe mich drei, viermal Mal Markus Jocher getroffen und jetzt gerade auch mit ihm telefoniert. Wir bereiten viele Sachen vor. Wir drei wissen, was wir machen müssen. Das ist wichtig für die Zukunft in Riessersee.
Mein Eindruck ist, dass Sie in den Pressekonferenzen in Kaufbeuren viel Ruhe ausgestrahlt haben – selbst nach Niederlagen. Garmisch-Partenkirchen ist für sein emotionales Umfeld bekannt. Kann ihre Art an einem Standort mit so leidenschaftlichen Fans wie in Garmisch-Partenkirchen ein Vorteil sein?
Leif Carlsson: Ich bin ein ganz ruhiger Trainer. Ich habe aber auch ein Temperament, wenn es nicht klappt. Das musst du haben. Wenn ich aber ruhig bin, weiß ich, dass die Spieler auch ruhig sind. Jocher ist ein wenig emotionaler, das ist auch gut, dass wir eine Mix haben. Ich glaube, dass das für die Mannschaft und für die Leute um die Mannschaft herum gut ist. Ich sage immer, was wir gemacht haben, was funktioniert hat und was nicht funktioniert hat. Du brauchst nicht zu schreien. Das ist meine Meinung. Mein Ziel mit meinem Coaching ist es, jeden Tag den Spielern zu hundert Prozent klar zu machen, was wir machen müssen. Wenn das nicht läuft, kann ich nicht rumschreien und rumlaufen und sagen, dass alles schlecht ist. Wenn ich das machen würde, bin ich ein nicht so guter Trainer.
Der SC Riessersee hat Johan Porsberger – mit dem Sie bereits in der Saison 2017/18 bei Leksands IF zusammengearbeitet haben – verpflichtet. Porsberger bezeichnet sich als richtig guten Koch. Welche „Zutaten“ bringt er mit, um Ihrer Mannschaft weiterzuhelfen?
Leif Carlsson: Für uns in Riessersee und in der Oberliga ist er ein Topspieler. Er ist eine offensive Waffe ohne Ende. Er hat einen sehr guten Schuss. Er ist auch ein positiver Mensch, ein guter Charakter. Sonst hätte ich ihn nicht geholt. Ich brauche von jedem Spieler 100 Prozent. Als Ausländer muss er top sein, spielerisch und menschlich.
Porsberger erzählte, Sie hätten einen großen Einfluss auf seine Entscheidung für den SC Riessersee gehabt. Was haben Sie ihm gesagt?
Leif Carlsson: Ich habe ihm erzählt, welche Rolle er bekommen soll. Ich habe ihm aber auch viel über die Tradition des SC Riessersee erzählt und über die Stadt Garmisch-Partenkirchen. Er hat mich immer gefragt: Wie ist es in Bayern? Wie ist es dort und dort? Jetzt habe ich ihm gesagt, dass er eine super Chance hat, das zu erleben. Dann hat er gesagt: Ja, dann machen wir das.
Unabhängig von einem Tabellenplatz: Was wollen Sie sehen, damit Sie in einem Jahr zufrieden auf die Saison zurückblicken können?
Leif Carlsson: Ich will, dass wir eine Mannschaft sehen, die unser System versteht und ich will, dass das Publikum zwei Stunden lang eine gute Zeit hat. Dass wir hart spielen, 110 Prozent geben und kämpfen. Das will ich in diesem Jahr sehen. Wenn du nach dem Spiel sagst, dass du alles gegeben hast, dann kannst du im Eishockey verlieren. Aber wenn du nach dem Spiel fragst, warum du nicht gekämpft hast, dann hast du kein gutes Gefühl. Wenn du alles gemacht hast, die andere Mannschaft aber besser war, dann ist das kein Problem – auch für die Fans nicht.
Aber inwiefern haben Sie als Trainer darauf überhaupt einen Einfluss, schließlich sind das Menschen, die manchmal auch ihren eigenen Kopf haben, private Probleme und so weiter.
Leif Carlsson: Ja, das ist schwer. Aber das kommt vom täglichen Training. Wenn wir jeden Tag eine oder eineinhalb Stunden trainieren und dafür sorgen, dass die Spieler im Training alles geben, dann kommt das auch im Spiel. Wenn du sagst, dass du heute im Training ein wenig frei machst und dann erst übermorgen im Spiel 100 Prozent geben willst, dann geht das nicht. Wir müssen jeden Tag gute Angewohnheiten haben. Die Spieler müssen lernen, 110 Prozent Arbeit und Verständnis zu bekommen. Und ich sage auch: Wir müssen Spaß haben. Wenn du Spaß hast, machst du alles viel besser.
Was einfacher gesagt ist als getan, wenn der Druck dazu kommt, du Spiele verlierst und so weiter.
Leif Carlsson: Das ist genauso wie bei deiner Arbeit. Wenn du ein gutes Gefühl hast, jeden Tag wenn du zur Arbeit kommst und du mit deinen Mitarbeitern gute Sachen machst, sie lachen können, dann ist es einfacher. Die Tage, an denen es nicht läuft, kommen immer. Du kannst nicht jeden Tag super sein. Aber deine schlechte Zeit ist viel kürzer, wenn du ein stabiles Grundsystem hast.
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