Schlager, Machtspiele, Erding-Vergleich: Warum die Oberliga für Bayernligisten kaum noch erreichbar ist
Tim Bertele ist seit acht Jahren im Vorstand des EHC Königsbrunn. Seit er vor vier Jahren Vorsitzer wurde, gewann der Verein drei bayerische Meisterschaften. Foto: Tim Bertele
Selbst eine große Schlager-Sause reicht dem Bayernliga-Meister EHC Königsbrunn nicht, um einen Aufstieg in die Oberliga Süd zu finanzieren. Vorstand Tim Bertele spricht im Interview mit „Logbuch Sport“ über explodierende Kosten, Machtspiele zwischen Verbänden, kritisiert die Konkurrenz – und zieht einen Vergleich zu den Erding Gladiators.
Am 21. April veröffentlichten die Erding Gladiators einen Text unter der Überschrift „QUO VADIS OBERLIGA?“. Darin kritisiert der 2025 in die Oberliga aufgestiegene Klub aus der Nähe von München die strukturellen Probleme der dritthöchsten Spielklasse im deutschen Eishockey. Die Diagnose der Gladiators ist deutlich: „Von einer stabilen Struktur, wie sie die DEL und DEL2 längst etabliert haben, ist der Eishockeybereich unterhalb des Profisektors (…) entfernt.“
Als Hauptgrund für die Probleme wird eine wachsende finanzielle Schere zwischen den Vereinen angeprangert. Zudem seien die Kosten zu hoch. Als Lösungsansätze werden eine Gehaltsobergrenze, die schwer umsetzbar sei, eine spätere Verzahnung der Nord- und Südstaffel in den Playoffs und die Abschaffung von Dienstagsspielen vorgeschlagen.
Eine weitere Problematik, die die Erdinger ansprechen, ist, dass der Übergang von der Bayernliga in die Oberliga für die Vereine kaum noch zu stemmen sei. Einer, der aus erster Hand berichten kann, wie es ist, als Bayernliga-Meister einen Aufstieg nicht bewerkstelligen zu können, ist Tim Bertele, der Vorstand des EHC Königsbrunn.
Herr Bertele, Glückwunsch zur Meisterschaft. Am 2. Mai hat der EHC Königsbrunn zum sechsten und letzten Mal seine Schlager-Nacht ausgetragen. Mit dabei waren unter anderem Achim Petry, der Sohn von Wolfgang Petry, und Mario Basler. Konnten Sie dort die Meisterschaft noch einmal richtig feiern?
Tim Bertele: Schlager ist schon mein Musikgeschmack, aber zumindest für die Vorstandschaft ist das Fest nicht dazu da, um zu sagen: Hoch die Tassen, los geht´s. Die Schlager-Nacht dient dazu, den Spielbetrieb zu stärken. Wir sind ja nicht beseelt mit einem wahnsinnigen Zuschauerschnitt trotz der Erfolge, so dass wir immer andere Wege finden müssen, wie wir Einnahmen generieren. Deshalb haben wir vor fünf Jahren damit angefangen, ein solches Festival zu entwickeln. Das ist von Jahr zu Jahr gewachsen und wirft immer einen guten Erlös ab, den wir verwenden können, um den Spielbetrieb zu stärken.
Wieso war das in diesem Jahr dann die letzte Austragung der Schlager-Nacht?
Tim Bertele: Ich bin im Prinzip auf Abschiedstournee als Vorstand. Die Nachfolger haben gesagt, dass sie es nicht mehr bewerkstelligen können, zumal es in den letzten ein, zwei Jahren echt schwieriger wurde. Immer mehr Anforderungen kommen behördlich, weil die Kosten immer mehr explodieren. Das ist wirklich Wahnsinn. Ich habe vor zwei Tagen eine Rechnung mit 65.000 Euro überwiesen. Das war nur die Technik, die Bühne und ein paar Boxen. Dass das aufgebaut wird, abgebaut wird und während den Veranstaltungen betreut wird, kostet diesen Betrag. Wir haben vor fünf Jahren mit einem Betrag von 15.000 Euro angefangen. So explodieren die Kosten allgemein, sodass es immer schwieriger wird, sowas auf die Beine zu stellen beziehungsweise so dass das mit einem immensen Risiko verbunden ist. Das ist echt schwierig. Du kannst nicht erwarten, dass die Leute jedes Jahr in Scharen kommen. Dieses Jahr war es wieder ein brutaler Erfolg. Es waren 7.000 Besucher da. Dann geht sich das schon aus, aber es gibt vielleicht auch mal Jahre, die schwieriger sind.
Im Finale gegen den ERV Schweinfurt drehte Ihre Mannschaft das entscheidende Spiel im letzten Drittel. Was gab in dieser Phase den Ausschlag?
Tim Bertele: Was heißt den Ausschlag gegeben? Du gehst im Spiel in Führung, dann gerätst du in Rückstand. Da war Schweinfurt aus meiner Sicht auch klar die bessere Mannschaft. Ich habe auch persönlich auch nicht mehr viel darauf gegeben, dass wir das noch drehen, weil sie wirklich dominant waren zu diesen Zeitpunkt. Aber unsere Jungs haben sich dann wirklich noch einmal zusammengerissen, so wie es häufig der Fall ist, weil wir wirklich eine Mannschaft haben, die einen tollen Charakter hat. Wir haben tolle Charakterspieler, die das Wort in der Kabine ergreifen und alle wachrütteln. Das hat gefruchtet, so dass wir das Spiel noch drehen konnten und die dritte Meisterschaft in vier Jahren gewinnen konnten.
Der EHC Königsbrunn verzichtet dennoch auf den Aufstieg in die Oberliga Süd. Warum?
Tim Bertele: Diese Frage bekomme ich seit Jahren fast wöchentlich gestellt, nach Meisterschaften fast schon täglich. Es ist einfach unglaublich schwierig heutzutage einen Oberligaspielbetrieb als Verein, so wie wir den betreiben, darzustellen. Bei uns arbeiten alle im Ehrenamt. Um in der Oberliga vernünftig mitzuspielen , musst du deinen Etat fast verdoppeln. Wir haben im Moment einen Etat von 300.000 Euro. Wir müssten ihn verdoppeln, um wettbewerbsfähig zu sein. Wir müssten fünf, sechs Spieler verpflichten, die in Summe diesen Betrag kosten. Plus Busfahrten und Spiele am Dienstag. Das ist schwierig für Leute im Ehrenamt zu bewerkstelligen. Wir schaffen es ja gerade einmal am Wochenende, unsere Leute, die Bier verkaufen und Wurst grillen, zusammenzutrommeln. Sie müssten zusätzlich noch am Dienstag kommen. Die Spieler müssten das auch erstmal managen. Sie gehen ja alle arbeiten. Nur die Importspieler sind ab und zu Vollprofis. Das alles zu bewerkstelligen und dazu noch 300.000 Euro einzusammeln, sehe ich als echt schwierig an.
Aber Oberliga in Königsbrunn: Klingt das für Sie nicht sexy?
Tim Bertele: Eins darfst du auch nicht vergessen: Wenn du Erfolg hast, dann ist es sexy und dann kommen die Leute, die Erfolg wollen. Aber wenn du nicht erfolgreich bist, dann kommt keiner. Deswegen bin ich mir sicher, dass die Euphorie nach einem Oberliga-Aufstieg in den ersten Spielen da wäre, aber wenn du von den ersten zehn Spielen acht verlierst, dann ist die Euphorie ganz schnell weg und du spielst wahrscheinlich vor 300 oder 500 Zuschauern und muss damit diesen Riesenkostenapparat bewältigen. Das kann ganz schnell schiefgehen. Davor haben wir großen Respekt. Zumal der Oberliga-Modus so ist, dass du nicht damit rechnen kannst, jemals die Playoffs zu erreichen, geschweige denn die höheren Ränge zu erreichen, wo es finanziell lukrativer wird. Die ersten ein, zwei Runden gegen die Nordgruppe sind ja auch aus wirtschaftlicher Sicht überhaupt nicht interessant für die Vereine. Es bringt mir nix, wenn die Fans nach Hannover oder Tilburg fahren müssen. Das ist für keinen interessant. Damit lockst du niemanden vor dem Ofen hervor.
Wenn wir mal von ihrem Verein wegkommen und ein bisschen über das große Ganze reden: Die Erding Gladiators schreiben auf ihrer Vereinswebseite, dass ein Aufstieg aus der Bayernliga in die Oberliga mittlerweile für kaum noch einen Verein realistisch sei. Haben sie recht?
Tim Bertele: Wir haben ja Anfangs über den Mut, den wir als Verein bei den Festivals zeigen, gesprochen. Wir haben ja auch in den Playoffs noch zwei Nachverpflichtungen von Importspielern gemacht, die Geld kosten. Vor Saisonbeginn holen wir auch Topspieler. Wir schrecken da nicht zurück. Alleine das Festival kostet uns 300.000 Euro und kann auch mal schiefgehen. Das schreckt uns nicht zurück, weil wir davon überzeugt sind, dass es klappt. Wenn man von etwas nicht überzeugt ist – und wir sind alle sehr, sehr mutig im Vorstand – dann machen wir es nicht. Deswegen halte ich es für wirklich unrealistisch, dass ein Bayerligaverein aufsteigt, so wie die Bayernligavereine gestrickt sind. Ich bin ja da auch immer im Kontakt mit den anderen Vorstandskollegen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das irgendein Verein wagen wird, es sei denn, es steht ein Sponsor da, der sagt: Ja, komm. Ihr bekommt von mir in den nächsten fünf Jahren eine halbe Million Euro garantiert. Dann kann man das überlegen. Aber wenn man sieht, wie alle Vereine inklusive uns gestrickt sind, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass das Sinn macht. Es wird sehr, sehr schwierig für die Bayernligisten in der Oberliga Fuß zu fassen, wenn sich nicht irgendetwas ändert.
Wie blicken Sie auf Beispiele wie die Black Hawks Passau, die trotz wirtschaftlicher Probleme in der Oberliga bleiben, oder die Bayreuth Tigers, die einen Neustart in der Landesliga planen?
Tim Bertele: Natürlich blicken wir auf diese Fälle. Ich kann natürlich nicht beurteilen, was dort schief lief. Das beste Beispiel ist für mich Erding. Wir sind sehr viel im Austausch mit den Erdingern, weil das für uns der Prototyp ist, wie das laufen würde, weil das Erdinger Publikum sehr, sehr ähnlich ist, verglichen mit dem Königsbrunner Publikum. Das ist ein sehr kritisches Publikum. Das heißt, man ist sehr schnell euphorisch, wenn es läuft und sehr schnell sehr kritisch, wenn es nicht läuft. Wir haben ja vor zwei Jahren im Finale gegen Erding gespielt. 2500 Zuschauer waren dort. Es war ausverkauft. Sie hätten nach dem Meistertitel fast die Halle abgerissen. Ich habe gedacht, es kommt bald das Hallendach herunter, so eine Stimmung war dort. Die Fans wollten teilweise das Eis rauspicken und mit nach Hause nehmen. Wenn man dann mal schaut, was im Oktober los war, als drei oder vier Spiele verloren wurden: Zuschauerschnitt 850, 900. Überall kritische Kommentare im Internet. Eintrittspreise sind zu hoch, Bier ist teurer geworden, Leberkässemmel sind zu teuer. Alles so Dinge, die mit einem Oberliga-Aufstieg einhergehen. Sie wurden komplett auseinandergenommen im Internet. Wenn man dann sieht, was dort investiert wurde: Wenn es selbst mit so einem Etat schwer zu gewährleisten ist, dass es Spaß macht, muss man sich schon die Frage stellen, ob das für einen kleineren Standort wie Königsbrunn funktioniert, wenn es nicht mal dort funktioniert.
Was muss denn aus ihrer Sicht konkret verändert werden, damit es für Mannschaften aus der Bayernliga wieder interessanter wird, in die Oberliga aufzusteigen?
Tim Bertele: Wenn es ein Allheilmittel gäbe, wäre das schon längst angewandt worden. Ich bin mir sicher, dass sich die Leute beim Bayerischen Eissportverband und beim DEB die Köpfe zerbrechen, weil es nicht in deren Sinne ist, dass die Oberliga immer schlanker wird. Man sieht es ja im Süden – und im Norden wollte Essen ja auch hoch, macht es jetzt aber doch nicht. Es ist echt schwierig, das Ganze zusammenzubringen. Man müsste im Prinzip einmal komplett alles neu aufrollen, so dass die besten Bayernligateams mit den unteren Oberliga Teams zusammen spielen. Mit Mannschaften wie Füssen, Passau, Stuttgart oder Erding können die oberen fünf, sechs Bayernligisten auch mithalten. Aber das wird es nie geben, denn zwischen den Verbänden gibt es immer irgendwelche Befindlichkeiten. Falls man eine solche Liga gründen würde, läuft sie dann unter dem DEB oder dem BEV? Jeder Verband möchte so eine Liga unter sich haben. Kein Verband gibt Vereine ab. Deswegen wird das nie passieren, auch wenn es im Sinne des Eishockeys wäre. Dazu sind die Lobbys viel zu groß. Das sind einfach Machtspiele, die im Hintergrund laufen.
Königsbrunn will weiterhin mit nur zwei Kontingentspielern auflaufen und den ‚Zirkus‘ nicht mitmachen. Was genau stört Sie konkret am Vorgehen der Bayernliga-Konkurrenz?
Tim Bertele: Mich stört, dass die Vereine in Bayern zwar unfassbar viele gute Spieler ausbilden, aber dass die Spieler, die rauskommen, gar keine Möglichkeiten bekommen, in der Bayernliga Fuß zu fassen. Sie müssen dann in die Landesliga. Ein paar probieren es in der Oberliga und schaffen es nicht. Sie können in der Bayernliga gar nicht aufgenommen werden, weil die Stellen voll sind mit Kontingentspielern. Deswegen war es mir ein Anliegen zu sagen, dass wir das nicht mitmachen. Wir halten uns an die Regeln. Zwei oder drei Kontingentspieler. Damit ist es erledigt. Wir haben ja am Freitag Ligentagung gehabt mit allen Vereinen. Da gibt es sicherlich wieder Vereine, die mit fünf oder sechs Kontingentspielern auflaufen werden. Letztes Jahr waren das Burgau und Schweinfurt. Dieses Jahr werden wir auf jeden Fall einen dritten Verein erleben, der mit fünf oder sechs Importspielern auflaufen wird. Andere Vereine haben sich nicht in die Karten schauen lassen, aber das ist der Trend aktuell. Ich bin auch ein wenig ein Idealist. Ich rede jetzt nicht von Königsbrunn. Wir sind in einer Blase, wir sind getrennt vom Nachwuchsverein. Aber wenn ich sehe, was für tolle Nachwuchsarbeit in Bayern betrieben wird, dann finde ich es schade, dass diese Spieler keine Möglichkeiten bekommen, in der höchsten bayerischen Spielklasse zu spielen.
Was ja zu der Frage führt, ob es möglicherweise ein generelles Nachwuchsproblem im deutschen Eishockey gibt. Bei der U20-WM Anfang des Jahres belegte Deutschland Platz neun von zehn Teams. Die U18 stieg jüngst sogar aus der Top-Division ab.
Tim Bertele: Nein, das finde ich nicht. Wenn man sich die DNL anschaut: Dort sind tolle Standorte dabei, ob es jetzt Augsburg ist oder andere Traditionsvereine wie Rosenheim, Kaufbeuren, Landshut. Das sind alles tolle Standorte, da wird überall gut gearbeitet. Sie haben ein super Nachwuchsarbeit mit hauptamtlichen Trainern. Dort wird viel getan und gemacht. Ich sehe es überhaupt nicht so, dass dort ein Problem liegt. Das Problem ist, dass den Spielern irgendwann die Perspektive ausgeht, wenn sie 18 oder 19 werden und nicht mehr im Jugendbereich spielen können.
Nach vier Jahren als Vorsitzender des EHC Königsbrunn treten Sie nun zurück, um die Versicherungsagentur Ihres Vaters zu übernehmen. In welchem Zustand übergeben Sie den Verein?
Tim Bertele: Ich war jetzt zehn Jahre Vorstand. Am 10.6. sind die Neuwahlen. Ich möchte nicht vorgreifen, aber der Verein wird in einem sehr guten Zustand sportlicher und wirtschaftlicher Natur übergeben werden, so dass die neuen Vorstände solide anknüpfen können.
Das Interview führte Lukas Bergmann.
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