„Ich gebe nicht auf“: Kevin Siess´ Weg vom schweren Arbeitsunfall zum Nationalmannschafts-MVP
Beim Olmütz Cup in Tschechien wurde Kevin Siess zum wertvollsten Spieler der österreichischen Para-Eishockey-Nationalmannschaft ausgezeichnet. Foto: privat
Kevin Siess von den HC Tigers entging dem Tod nach einem schweren Arbeitsunfall nur knapp. Nun spielt er in der österreichischen Para-Eishockey-Nationalmannschaft. Über Einen, für den Aufgeben nie eine Option war.
Der 8. September 2022 veränderte das Leben von Kevin Siess nachhaltig. Der 31-Jährige, der für die Österreichische Bundesbahn im Verschub arbeitete, geriet unter einen 50 Tonnen schweren Wagon. Laut eigener Aussage verlor er dabei sechseinhalb seiner acht Liter Blut und überlebte nach einer Not-OP nur knapp. Seit diesem Arbeitsunfall hat Siess am linken Bein nur noch 12 Zentimeter Oberschenkelknochen, der Rest wurde abgetrennt. Außerdem fehlt ihm der rechte Vorderfuß.
Wie erging es Kevin Siess nach seinem Unfall?
Aufgeben war für ihn allerdings keine Option: „Dass ich eine zehnjährige Tochter habe, ist ein Grund dafür, warum ich gesagt habe: Nein, ich kann mit einem Bein leben. Egal, ob ich jetzt ein Bein habe oder zwei Beine, ich lebe mein Leben, ich mache mein Ding. Ich gebe nicht auf. Und darum habe ich gesagt, dass ich für das kämpfe, was ich jetzt erreicht habe.“
Dabei war 2022 insgesamt nicht Siess´ bestes Jahr. Im Januar war bereits sein Großvater gestorben, im Sommer einer seiner besten Freunde. Nach seinem Unfall führte er noch im Krankenhaus zwei Gespräche mit einer Psychologin. Eins handelte vom Tod seines Großvaters, das andere von seinem Unfall. Den Rest habe er mit sich selbst ausgemacht. „Mir geht es gut. Mental oder psychologisch habe ich überhaupt kein Problem“, betont Siess, der sogar problemlos an seiner Unfallstelle vorbeifahren kann.
Welche Auswirkungen hat die Behinderung auf seinen Alltag?
Doch was bedeutet die Beeinträchtigung für seinen Alltag? Schränkt sie ihn ein? „Nein, eigentlich gar nicht“, sagt der 31-Jährige. „Ich habe es mir schlimmer vorgestellt. Ich mache alles selbst. Ich koche, wasche, putze. Mit dem Rollstuhl und mit der Prothese bin ich viel mobiler, als wenn ich beide Prothesen anhabe. Ich kann auch ganz normal eine Stiege hochgehen mit zwei Krücken.“ Nur wenn er mal eine Druckstelle am Stumpf, also am verbleibenden Teil des Beins, habe, sei er auf die Hilfe von Freunden und Familie angewiesen.
Werden Behinderte anders wahrgenommen?
Nun ist es aber schon so, dass viele Behinderte schildern, dass sie anders gesehen werden, seit sie behindert sind beziehungsweise weil sie behindert sind. Siess bestätigt: „Ja, du wirst teilweise anders wahrgenommen, gerade wenn ich in der Stadt oder so unterwegs bin, sei es fürs Eishockey oder Basketball. Du wirst natürlich anders angeschaut, das ist klar. Am Anfang hat es mich krass gestört, aber mittlerweile denkt man sich gar nichts mehr.“
Im Urlaub sei die Situation dann aber nochmal eine andere, weil es in anderen Ländern nicht so viele Amputierte oder Querschnittsgelähmte Menschen gebe. „Da wirst du richtig angeschaut, aber mich stört das alles nicht mehr. Ich habe das alles verdrängt und denke da gar nicht mehr dran. Mir fällt das jetzt schon gar nicht mehr auf.“
Der Sport als Glücksbringer
Dabei seinen neuen Alltag zu meistern half ihm der Sport. Schon vor seinem schweren Arbeitsunfall war Siess sportbegeistert, er spielte Eishockey. Bereits wenige Tage nachdem er aus dem Koma aufgewacht war, trainierte er mit seinem Physiotherapeuten im Turnraum. Später begann er mit dem Rollstuhlbasketball, war allerdings immer ein Eishockeyspieler im Herzen.
Im Herbst 2023 saß Siess dann erstmals in einem Para-Eishockey-Schlitten. Im Podcast „win2day Hockey O’Clock“ beschrieb er den Sport 2024 als „Sonnenaufgang auf den Malediven“. Es sei für ihn „wie im siebten Himmel“, dass es Para-Eishockey gebe. „Ehrlich gesagt, habe ich vorher noch nie etwas von Para-Eishockey gehört. Von anderen Parasport-Arten wie Skifahren, Rollstuhlbasketball oder Rollstuhlrugby hatte ich schon etwas gehört. Darum freut es mich umso mehr, dass es das gibt, dass ich Eishockey wirklich weitermachen kann, nur anders. Aber es geht. Und das hat mich schon mehr als glücklich gemacht, dass es das gibt“, erklärt uns Siess.
Im Vergleich mit dem stehenden Eishockey sind die Geschwindigkeiten, mit denen die Para-Athleten mit ihren Schlitten über das Eis brettern, deutlich geringer. Siess betont allerdings: „Para-Eishockey ist der schnellste Behindertensport, den es gibt.“ Da der Vortrieb mit den Armen erzeugt wird, stößt man sich quasi mit den Schlägern vom Eis ab, braucht man viel Kraft. Siess geht jeden zweiten Tag ins Fitnessstudio. Samstags trainiert er mit seiner „alten“ Mannschaft beim Eishockeytraining mit. Neben dem Para-Eishockey spielt er auch noch Rollstuhlbasketball. Der Sport tut ihm gut: „Ich bin ein relativ ruhiger Mensch, ein ausgeglichener Mensch. Ich habe meinen Sport, dem will ich nachgehen.“
Para-Eishockey in Österreich
Um das bestmöglich tun zu können, braucht es die passenden Trainingsbedingungen. In der Vergangenheit trainierten die Para-Eishockey-Spieler aus Vorarlberg zu Dritt in Hard. Unter anderem aufgrund von besseren Trainingszeiten entschied man sich dann aber nach Dornbirn zu wechseln und sich den HC Tigers anzuschließen, die nun sogar eine eigene Para-Eishockey-Abteilung haben.
Das Ziel ist es perspektivisch, mit einer eigenen Mannschaft am Ligabetrieb teilzunehmen, dafür reicht es personell aktuell aber noch nicht. So spielt Siess aktuell für den KAC in der dünn besetzten österreichischen Para-Eishockey-Liga, an der nur der KAC, die Graz 99ers und die South Tyrol Eagles in der vergangenen Saison teilnahmen.
Die österreichische Nationalmannschaft
Die österreichische Nationalmannschaft befindet sich derweil auf dem Weg zur C-Pool-Weltmeisterschaft, die vom 8. bis 13. Dezember in Metepec (Mexiko) ausgetragen wird. Am vergangenen Wochenende nahm das Team an einem internationalen Vorbereitungsturnier in Tschechien teil, dem Olmütz Cup. Dort belegte die österreichische Mannschaft den achten Platz von acht Mannschaften.
Innerhalb von drei Tagen waren vier Spiele zu absolvieren. „Ja, anstrengend war es definitiv, gerade Samstag, als wir ein Spiel in der Früh und eins am Abend hatten. Aber im Großen und Ganzen hat es gepasst. Es war zwar der letzte Platz, aber mit dem haben wir irgendwie gerechnet, weil wir noch nicht den ganzen vollen Kader zur Verfügung hatten“, erklärt Siess. Das Ziel bei der Weltmeisterschaft ist eine Medaille. Möglicherweise sei sogar ein Erfolg gegen die starke französische Mannschaft und damit der zweite Platz möglich.
Weitere Ziele von ihm seien, „dass ich das Team dazu bringe, dass sie ins Fitnessstudio gehen, sich fit machen für die WM und dass wir irgendwann einmal bei der WM Erster werden, sodass wir in den B-Pool aufsteigen. Das ist ein großes Ziel von mir.“ Sogar von den Paralympics träumt er: „Das wird mit Österreich schwer, aber wenn alle an einem Strang ziehen, könnte man es schaffen. Der Weg bis dahin ist aber extrem hart und schwer.“
Mit sich im Reinen
So oder so: Siess ist mit seinem Leben im Reinen. „Mich haben auch schon viele Freunde und die Familie gefragt, ob ich mir den rechten Vorderfuß und das linke Bein wieder in Anführungszeichen dran operieren lassen würde, wenn das möglich wäre. Ich habe gesagt: Nein, ich glaube nicht, dass ich das wieder will. Aber das ist eine Streitfrage für mich“, meint er.
Klar, er könnte dann zum Beispiel wieder Mountainbiken und Treppen hochlaufen. Jetzt könne er aber Dinge machen, von denen er gar nicht wusste, dass es diese gibt. Para-Eishockey spielen zum Beispiel.
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