Vom Stanley-Cup-Finale nach Bad Tölz: Justin Braun erklärt seinen Wechsel in die Oberliga Süd
Justin Braun spielte in der NHL für die San Jose Sharks, Philadelphia Flyers und kurzzeitig auch für die New York Rangers. Zuletzt lief er in der DEL für die Dresdner Eislöwen auf. Foto: LensAhead
Justin Braun hat in seiner Karriere fast alles erreicht. Der 39-Jährige aus Minnesota bestritt 961 Spiele in der NHL, der besten Eishockey-Liga der Welt. 2016 stand er mit den San Jose Sharks sogar im Stanley-Cup-Finale. Warum es den US-Amerikaner nun in die Oberliga Süd zu den Tölzer Löwen zieht, erklärt er im exklusiven Interview mit ‚Logbuch Sport‘.
Herr Braun, Sie sind in Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota geboren worden. Minnesota wird auch als „State of Hockey“ bezeichnet. Kann man sagen, dass man dort keine andere Wahl hat, als Eishockeyspieler zu werden?
Justin Braun: Nicht so ganz. Aber wenn du Freunde haben willst, gehst du raus zu den Teichen und Eisflächen und gehst Schlittschuhlaufen. Das ist nun einmal das, was du machst, wenn du aus einem Bundesstaat kommst, in dem es wirklich kalt wird und alles friert. Dann gehst du raus, Schlittschuhlaufen. Wir haben keine Berge zum Skifahren. Eishockey ist deine einzige Wahl.
Sie wurden im NHL Draft 2007 an 201. Stelle ausgewählt – zu diesem Zeitpunkt spielten Sie bereits an der University of Massachusetts Amherst (UMass). Sie haben dort vier Jahre absolviert, bevor Sie im Alter von 23 Jahren Ihr erstes NHL-Spiel machten. Würden Sie sich selbst als Spätstarter bezeichnen?
Justin Braun: Ja, es war meine dritte Teilnahmeberechtigung für den Draft. Ich war damals 20 Jahre alt und hatte keine Gedanken daran, gedraftet zu werden. Ich habe zuvor nicht mit irgendjemandem gesprochen. Dann habe ich irgendwie herausgefunden, dass ich gedraftet wurde und angefangen, an „Developing Camps“ teilzunehmen. Danach bin ich aber zurück ins College gegangen für weitere drei Jahre. Ich war nicht bereit, bis zum letzten Jahr im College (senior year). In diesem habe ich jedoch wirklich gut gespielt und die Chance bekommen, danach Profispieler zu werden. Ich war nicht sehr schwer, habe vielleicht 180 Pounds gewogen. Ich war nicht, bereit bis zu meinem Abschlussjahr, in dem ich dann vielleicht 200 Pounds gewogen habe. Nachdem ich diese 20 Pounds zugelegt hatte, konnte ich in die NHL gehen.
2016 standen Sie dann mit den San Jose Sharks im Stanley-Cup-Finale, verloren dort allerdings in sechs Spielen gegen die Pittsburgh Penguins. Ist das eher eine große Wunde, die Sie mit sich herumtragen, oder überwiegt heute der Stolz, es überhaupt soweit geschafft zu haben?
Justin Braun: Ein bisschen von beidem. Ich versuche nicht zu viel daran zu denken, aber es war schon ziemlich speziell, in solchen Partien zu spielen. Leider ist das zehn Jahre her (lacht). Die Dinge gehen zu schnell. Ich kann mich immer noch an einige Dinge erinnern, aber vieles verschwimmt zu einem einzigen großen Brei (lacht). Es sind einfach sehr viele Eishockey-Spiele.
Sie haben 961 NHL-Spiele absolviert und gelten als sehr konstanter Verteidiger, der wenige Fehler macht. Wie erlangt man über so viele Jahre auf diesem Niveau diese mentale und spielerische Konstanz?
Justin Braun: Wie du es sagst: Es ist einfach die Konstanz. Wenn du nicht jeden Abend Tore schießt, dann musst du in etwas anderem gut sein jeden Abend. Ich musste defensiv konstant gut sein. Das war für mich die einzige Möglichkeit, um in der Liga zu bleiben. Das hat zum Glück für eine lange Zeit funktioniert.
Aber war das dann hartes Training oder wie viel Talent steckt dahinter?
Justin Braun: Wenn du keine Tore schießt, musst du lernen, in etwas anderem gut zu werden. Ich war noch nie gut darin, Tore zu schießen. Ich war offensiv noch nie besonders talentiert. Deswegen musste ich etwas finden, indem ich gut bin. Das hat dann zum Glück funktioniert zu dieser Zeit.
Sie sind jetzt 39 Jahre alt. Wie verändert das Alter Ihr Spiel und inwiefern können Sie das heute kompensieren?
Justin Braun: Ich werde älter und ein bisschen langsamer, auch wenn ich manchmal so tue, als würde ich nicht langsamer werden. Hoffentlich kann ich durch hartes Training in diesem Sommer nicht zu viel verlieren. Du spürst den Körper schon ein bisschen (lacht).
Herr Braun, bei allem Respekt vor der Liga und den Vereinen: Warum um alles in der Welt wollen Sie in der Oberliga Süd spielen?
Justin Braun: Weil ich es immer noch liebe! Ich liebe es, Eishockey zu spielen. Ich habe das schon vor langer Zeit gesagt, dass ich nach Europa rüberkommen werde, am Ende meiner Karriere. Ich habe mir schon immer gedacht, dass es Spaß machen würde, die Welt zu sehen und meinen Lebensunterhalt damit zu verdienen. Meine Familie hat sich dann in Deutschland verliebt. Wir genießen unsere Zeit hier. Meine beiden Töchter sprechen Deutsch. Ich tue das nicht, was zu diesem Zeitpunkt ziemlich traurig ist. Meine älteste Tochter spricht ziemlich fließend Deutsch. Sie wollte hier bleiben. Ich habe gesagt: Alles klar. Sandro hat sich dann bei mir gemeldet und mich gefragt, ob ich das machen will. Wir sind dann im Februar zu Besuch hierher gekommen, haben die Berge gesehen und es war atemberaubend. Es war ein ziemlich einfacher Übergang. Meine Familie will hierbleiben, ich will immer noch Eishockey spielen und die Landschaft könnte nicht schöner sein. Das ist ein ziemlich guter Mix.
In Deutschland haben Sie bereits für die Dresdner Eislöwen und für die Straubing Tigers gespielt. Wie Sie bereits erwähnt haben, spielten Sie in Straubing bereits mit Sandro Schönberger zusammen. Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu ihm beschreiben?
Justin Braun: Er ist einfach ein großartiger Typ, sehr respektiert in der Community, ein großartiger Familienmensch. Er hat drei Kinder, die so ziemlich im Alter meiner beiden Töchter sind. Unsere Frauen kommen auch miteinander klar. Es ist ein einfacher Übergang. Wir haben heute zusammen Minigolf gespielt mit den Familien. So viele ältere Typen gibt es ja nicht mehr, mit denen du Zeit verbringen und Eishockey spielen kannst. Es ist super, wenn unsere Familien zusammen Zeit verbringen können.
TEG-Geschäftsführer Fabian Schlager sieht Ihre Aufgaben in „Vorbildfunktion und lautstarker Kommunikation“. Sind Sie eher ein autoritärer oder ein kumpelhafter Anführer für die jungen Spieler?
Justin Braun: Ein bisschen von beidem, aber ich will immer noch zur Eisfläche kommen und hart trainieren. Ich will den Leuten zeigen, dass es egal ist, wie alt du bist und was du in der Vergangenheit gemacht hast. Du kannst herkommen, im Training hart arbeiten und es nicht nur halbherzig machen. Ich will hart arbeiten und jeden Tag der Beste sein, der ich sein kann. Ich fahre da jetzt nicht nur einfach ziellos auf dem Eis herum. Ich will immer noch jeden Tag besser werden. Es ist jetzt ein bisschen schwieriger natürlich, aber es ist egal, was du gemacht hast, du musst es jeden Tag zeigen. Das versuche ich auf dem Eis zu machen.
Nach Arenen wie dem Madison Square Garden ist die Oberliga natürlich eine andere Welt. Aber auch in Bad Tölz gibt es durchaus eine gewisse Erwartungshaltung – und Sie sind der „Königstransfer“. Spüren Sie eine neue Art von Druck?
Justin Braun: Nein, ich denke das wirklich nicht. Es ist Sommer, es liegt noch ein langer Weg vor uns. Ich fühle keinen Druck in diese Richtung. Die Leute müssen darauf in der richtigen Art und Weise schauen. Ich bin 39 Jahre alt und werde nicht jünger. Aber ich denke, ich habe noch Eishockey in mir. Ich werde alles auf dem Eis lassen. Um ehrlich zu sein, würde ich gerne noch eine Meisterschaft gewinnen, bevor ich zurücktrete. Ich habe das noch auf keinem Niveau geschafft. Es wäre großartig, das zu schaffen. Hoffentlich ist das das Jahr, in dem wir es schaffen. Sie hatten ein tolles Jahr, tolle Spieler kommen zurück. Topi Piipponen hat in der letzten Saison 50 Tore geschossen und er kommt zurück. Ich bin nur ein Teil davon. Hoffentlich können wir etwas Spezielles schaffen. Aber nochmal: Wir sind jetzt zehn Monate oder so von den Playoffs entfernt. Es ist sehr früh, um zu spekulieren. Aber es wird toll, den ganzen Sommer in Bad Tölz zu sein, um mit den Jungs zu trainieren und sie kennenzulernen. Es sollte eine gute Situation sein.
Wir können noch kurz auf die vergangene Saison zurückschauen.
Ja, sehr kurz (schmunzelt).
Es war keine einfache Saison. Mit den Dresdner Eislöwen verpassten Sie den Klassenerhalt in der DEL2 deutlich. Eine ähnlich schwierige Saison hatten Sie schonmal in der Spielzeit 2021/22 mit den Philadelphia Flyers, bevor Sie zu den New York Rangers getradet wurden. Wie prägend war das letzte Jahr in Dresden für Sie und welche Erkenntnisse konnten Sie daraus ziehen?
Justin Braun: Ja, es war schwierig. Ich muss sagen, dass die Jungs wirklich zusammengehalten haben. Die Kabine ist nicht auseinandergebrochen. Sie waren an jedem Tag Profis. Niemand ist die ganze Nacht feiern gegangen. Das war wirklich gut zu sehen: Wir hatten kein gutes Jahr, aber die Jungs haben nicht aufgegeben. Ich denke, das war das Positive. Den Jungs hat es wirklich etwas bedeutet. Sie wollten gewinnen und nicht absteigen. Die Eishockey-Seite ist wie sie ist, aber nein, ich respektiere jeden aus dieser Kabine, der da durchgegangen ist.
Inwieweit konnten Sie sich bereits mit den Tölzer Löwen beschäftigen? Was wissen Sie über Ihren neuen Verein?
Justin Braun: Sandro hat mir einiges erzählt. Sie haben eine gute Saison gespielt und sind erst gegen eine sehr gute Mannschaft aus den Niederlanden ausgeschieden. Es gibt hier wirklich gute Puzzleteile. Sandro hat mir von einer tollen Spielweise erzählt. Die Mannschaft ist wettbewerbsfähig und gewinnt viel. Ich habe ihm gesagt: Wenn wir eine Chance haben zu gewinnen, dann unterschreibe ich. Dann werde ich ein Teil davon und habe hoffentlich die Chance, in einem weiteren Finale zu spielen.
Sie haben eine Frau, zwei Kinder und spielen gerne Golf. Würden Sie sich privat als „easy-going“, also als gemütlichen Menschen beschreiben und stehen Sie auch privat für die von Fabian Schlager angesprochene „lautstarke Kommunikation“?
Justin Braun: Bei den Jungs ist es kein großes Thema für mich. Du musst manchmal reden, wenn du das alles so lange gemacht hast. Sandro ist darin auch gut. Er war mein Kapitän in Straubing. Du musst das nicht die ganze Zeit machen, aber wenn die Jungs nicht fokussiert sind oder nicht laufen an einem Abend, dann musst du es sie wissen lassen. Das ist ein Teil von Eishockey. Ich versuche mein Bestes. Ich will nicht unhöflich sein, aber du willst Spieler motivieren. Ich will, dass am Ende nach dem Spiel meine Kinder auf das Eis kommen und mit uns feiern. Leider hatte ich dieses Gefühl im letzten Jahr nicht so oft, deswegen werde ich noch ein bisschen aufgeregter sein, wenn ich das im nächsten Jahr machen kann.
Können Sie den Sommer noch ein bisschen genießen?
Justin Braun: Ich werde die Seen abchecken und ein paar Wanderungen in den Bergen machen. Das habe ich noch nie gemacht. Das wird Spaß machen. Außerdem werden wir ein paar Wochenendtrips nach Italien und in die Schweiz machen, wenn meine ältere Tochter schulfrei hat. Von hier aus kann man sehr gut die Welt entdecken.
Das Interview führte Lukas Bergmann.
Anmerkung: Kurz nach dem Erscheinen dieses Interviews veröffentlichten die Tölzer Löwen die Mitteilung, dass Ludwig Nirschl den Verein trotz bestehendem Vertrag bis 2027 verlassen wird. „Ludwig kam kürzlich mit der Bitte auf uns zu, den Verein verlassen zu dürfen. Wir bedauern diese Entscheidung, möchten ihm aber auch nicht im Weg stehen“, lässt sich Geschäftsführer Fabian Schlager in der Pressemitteilung zitieren.
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