Jannik Herm spricht über Leukämie-Erkrankung: „Diese Situation hat uns stärker gemacht“
Der Sport spielt eine wichtige Rolle im Leben von Jannik Herm und hilft ihm dabei, auch schwierige Zeiten durchzustehen. Foto: cin3matic_mode
Jannik Herms Leben ist ein anderes, seit seine Frau Aneta an Leukämie erkrankt ist. Im Gespräch mit „Logbuch Sport“ erklärt der Stürmer der Stuttgart Rebels die aktuelle Situation und beschreibt, wie die Erkrankung ihn zu einem anderen Menschen gemacht hat.
Als Jannik Herms Frau Aneta Ende Mai von „banalen Komplikationen“ berichtete, dachte sich Herm nicht groß etwas dabei. Aneta ging zum Arzt und ließ sich Blut abnehmen. „Nach ein paar Stunden wurden wir dann vom Arzt angerufen mit der Nachricht, dass wir kommen sollen und dass er keine guten Nachrichten hat. In dem Moment kommen dir Tausende Gedanken in den Kopf“, erinnert sich Herm. Bei seiner Frau wurde eine Leukämieerkrankung diagnostiziert.
Die Diagnose Leukämie ist in Deutschland keineswegs selten. 2022 wurden laut Zentrum für Krebsregisterdaten des Robert Koch-Instituts 13.454 Menschen neu mit Leukämie diagnostiziert. Die relative 5-Jahres-Überlebensrate liegt demnach insgesamt bei 56 Prozent für Frauen und 60 Prozent für Männer.
„Das war ein kompletter Schock, weil im Endeffekt ist meine Frau auch Sportlerin. Sie war Tennisspielerin früher und ist jetzt Trainerin. Wir leben in einem gesunden Stil. Da denkt man nicht, dass einen sowas dann irgendwann mal betrifft. Deswegen war es ein Schockmoment für einige Tage oder Wochen. Man kann im Endeffekt nichts anderes machen, als das so zu nehmen und dagegen zu kämpfen“, sagt der 35-Jährige.
Auf dem Weg der Besserung
Dieser Kampf wurde dadurch erleichtert, dass schnell ein Stammzellenspender gefunden wurde. „Er war eine zehn von zehn. Das war ein Glücksfall“, so Herm. Seine Frau Aneta scheint auf einem guten Weg zu sein. Sie hat die Transplantationen und Chemotherapien überstanden: „Jetzt ist die Situation so, dass meine Frau schon seit einigen Wochen zu Hause ist. Es wird von Tag zu Tag besser. Klar ist es noch nicht durch, denn man weiß bei dieser Krankheit nie, ob sie zurückkommt oder nicht. Aber wir sind alle positiv und ziehen es einfach durch und wissen, dass es bald wieder komplett gut wird und dass wir dann ganz normal wieder weiterleben können, ohne irgendwelche Ängste und Stress.“
Eine schwierige Situation
Wie Herm mit dieser Situation umgeht und wie offen er darüber redet, ist schon bemerkenswert. Er scheut sich auch nicht davor, über seine Gefühle zu sprechen: „Ich muss schon sagen, dass ich in den ersten Tagen nach der Diagnose komplett down war. Ich wusste nicht, was ich machen soll. Ich hatte Tausende Fragen im Kopf. Da muss man einfach aufstehen und alles dafür machen, dass es wieder gut wird. (…) Sowas wünscht man niemandem, weil es echt ein Horror ist. Es waren Tage, in denen man einfach nur geweint hat und einfach Angst davor hatte, was morgen passiert.“
Hinzu kommt der Fakt, dass Herm Familienvater ist. „Es ist noch schlimmer mit zwei Kindern im Alter von fünf und sieben Jahren. Wie erklärt man das denen? Wie geht man damit um? Im Endeffekt ist von heute auf morgen dann einfach die Mama nicht zu Hause, wo sie eigentlich immer jeden Tag war. Das war schon ein großer Unterschied.“
Weg von den Kleinigkeiten
Bemerkenswert ist auch, dass wir als Menschen die Gabe zu haben scheinen, aus den schwierigsten Momenten am meisten zu lernen. So scheint es auch Jannik Herm ergangen zu sein: „Wenn ich jetzt so zurückdenke: Auch diese Situation hat uns noch stärker gemacht als Familie. Man hat im Endeffekt keine Kleinigkeiten mehr im Kopf und ist einfach nur glücklich, wieder zusammen zu sein zu Hause. Das ist schon was sehr Schönes. Als Mensch, der das nicht erlebt hat, kann man das nicht so richtig verstehen. Im Endeffekt gibt es viele Leute, die sich über Kleinigkeiten aufregen. Ich war auch einer, der sich ziemlich oft aufgeregt hat. Jetzt durch diese Situation sehe ich die Welt ein bisschen anders, also im besseren Sinne. Es ist schon etwas, was den Menschen verändert. Deswegen sehe ich auch in dem ganzen Negativen, was passiert ist, ein bisschen was Positives.“
Der Sport als große Hilfe in einer schwierigen Zeit
Herm thematisiert inmitten seiner mitunter ziemlich ausführlichen Schilderungen auch die Bedeutung des Sports. Der 35-Jährige erklärt: „Im Nachhinein bin ich froh, dass ich Sportler geworden bin, weil mit solchen Situationen, glaube ich, kann ein Sportler besser umgehen. Durch die ganze Konkurrenz schon in der Jugend bis zu den Profis ist man Druck und Stress gewohnt. Deswegen kann ich mir schon gut vorstellen, dass für Sportler solche Situationen dann schon einfacher sind, als für einen normalen Menschen, der irgendwo im Büro sitzt und der jetzt nicht so den Stress aus dem Sport kennt.“
Aktuell ist Herm in Tschechien, wo ihn seine Mutter in seiner schwierigen Situation unterstützt, in dem sie sich beispielsweise um die Kinder kümmern: „Ich trainiere hier weiter und gehe jetzt hier mit der Universitätsmannschaft auf dem Eis. Ich trainiere dreimal pro Woche und halte mich fit, sodass ich dann sobald möglich irgendwann spielen kann. Ob das dann in den nächsten Wochen passiert, in den nächsten Tagen, das ist jetzt noch ein bisschen unklar. Ich kann eher von Tag zu Tag denken und nicht von Woche zu Woche. Aber mein Ziel ist schon, bald wieder aufs Eis zu kommen mit den Jungs, die Jungs zu unterstützen, da wo ich kann.“
Der gebürtige Karlsruher ist aktuell im permanenten Austausch mit seinen Mitspielern und den Rebelsverantwortlichen um Geschäftsführer Alexander Fuchs. „Ich gebe ihnen immer Updates, wie die Situation hier ist. Wir reden oft. Ich habe auch Kontakt mit Tom gehabt, dem neuen Trainer. Sie freuen sich alle, wenn ich zurückkomme.“
Ein Verein in der Entwicklung
Dann kann er womöglich auch seine Tätigkeit als 1. stellvertretender Vorstand (Sport) beim Stuttgarter EC wieder aufnehmen, die er im Januar übernahm. Trainer koordinieren, Pläne schreiben, organisieren. Sein Verantwortungsbereich reicht von der Laufschule bis zur U20 und zur 1B-Mannschaft. Sein größtes Thema ist, Kinder zum Eishockey zu bringen, weil die unteren Jahrgänge eher dünn besetzt sind. Gelänge dies, könnte er möglicherweise auch von der Stadt mehr Eiszeiten bekommen, denn die mangelnden Eiszeiten sieht er als großes Problem an.
Mehr Zulauf würde auch an anderer Stelle helfen: „Wir müssen die Marke Stuttgart Rebels größer machen, damit wir einen größeren Namen haben, auch im Bereich Stuttgart. Es ist so, dass Eishockey hier nicht die Nummer eins ist, das weiß jeder.“ Die Konkurrenz vom VfB Stuttgart, den Stuttgarter Kickers, dem TVB Stuttgart sowie den Volleyballerinnen von Allianz MTV Stuttgart und den MHP Riesen Ludwigsburg sei groß, nicht nur was Zuschauer betrifft, sondern auch im Sponsoringbereich. Immerhin soll in den kommenden Jahren eine dritte Eishalle gebaut werden. Der anvisierte Baubeginn ist laut „Stuttgarter Zeitung“ aber erst 2030.
Jannik Herm und der „Aufstieg“ der Stuttgart Rebels
Seit 2022 spielt Herm nun schon für die Stuttgart Rebels, kein anderer Spieler aus dem aktuellen Kader ist so lange dabei. Damals stieg Herm als Fitness- und Athletiktrainer in der Tennisakademie seines Bruders ein. „Wir haben damals mit dem alten Vorstand und Jakob Vostarek, der Trainer und Sportlicher Leiter war, Schwung aufgenommen“, erzählt Herm. „Ich habe dann gesagt: Wenn ich nach Stuttgart komme, will ich Ziele haben. Ich gehe nicht in die Regionalliga ohne Ziele. Deswegen war der Plan, dass wir gute Spieler holen, die das Zeug dafür haben, die Liga zu gewinnen.“
Über Herms Kontakte wurden einige tschechische Spieler nach Stuttgart gelotst. Dennoch reichte es hinter dem EHC Zweibrücken nur zur Vizemeisterschaft. Weil sich Landsberg und Klostersee aber aus der Oberliga zurückzogen, wurde für Stuttgart ein Platz frei. „Dann habe ich ein bisschen Einfluss auf die Vorstände gehabt und gesagt: Wenn wir die Chance haben, aufzusteigen, müssen wir sie nutzen. Denn wenn dann doch wieder ein Bayernligist aufsteigen will, dann haben wir keine Chance“, gibt er zu.
Weil es keinen Absteiger in der darauffolgenden Saison gab, entschied man sich dazu, mit einem kleinen Kader in die darauffolgende Oberliga-Saison zu gehen. „Das erste Jahr war katastrophal, das weiß jeder, aber im Endeffekt ist jeder glücklich darüber, dass es gemacht wurde. Nach drei Jahren sieht man, dass Stuttgart da ist. Es wird von Jahr zu Jahr besser. Die Strukturen sind besser.“ Weil die Spieler unter professionellen Bedingungen trainieren können, sei der Verein mittlerweile bei möglichen Neuzugängen sehr beliebt.
Zwischen Trainer-Problemen und Freundschaften in Südbaden
Herm begann seine Eishockeykarriere übrigens beim HC Pilsen. Später war er unter anderem bei den Lausitzer Füchsen („Ich habe dort nicht viel gespielt“) und in Deggendorf („Dort habe ich eigentlich eine gute Saison angefangen, aber dann hatte ich ein bisschen Probleme mit dem Trainer. Deswegen habe ich das einfach nicht gefühlt, da zu spielen.“) unter Vertrag.
Zwischen 2014 und 2020 war Herm für den EHC Freiburg aktiv und stieg in dieser Zeit mit dem Verein in die DEL2 auf. „Leos Sulak, der Trainer damals von Freiburg, hat mich nach Freiburg geholt. Er hat mir in meiner Laufbahn sehr geholfen. Das war für mich der Trainer, der wirklich in mir das Potenzial gesehen hat. Es ist einfach vieles passiert in Freiburg und die Erinnerungen an Freiburg, die werden immer bleiben, die sind schön. Ich gehe öfters nach Freiburg, Freunde besuchen. Meine Frau und ich erzählen immer viel Gutes über Freiburg. Das war einfach eine sehr schöne Zeit. Die Eishockeykultur ist dort da, es sind immer viele Zuschauer gewesen in der alten Halle. Das ist auf jeden Fall eine Zeit, die ich sehr genossen habe.“
Wo stehen die Stuttgart Rebels?
Herms aktueller Verein, die Stuttgart Rebels, sind, genauso wie der EHC Freiburg, mit vier Punkten aus vier Spielen in die Saison gestartet. Zuletzt besiegte man den Höchstadter EC mit 2:1, um dann am Sonntag mit 4:5 nach Overtime gegen die Erding Gladiators zu verlieren. „Vier Punkte sind im Endeffekt nicht schlecht“, meint Herm, der sich die Spiele seiner Kollegen aus der Distanz angeschaut hat.
Die 3:4-Niederlage gegen die HC Tigers mit zwei späten Gegentoren bezeichnet er als „unglücklich“. Auch gegen Peiting habe man über 40 Minuten „echt super Eishockey“ gespielt. „Das Gute daran ist, dass wir die Mannschaft wirklich sehr gut aufgestellt haben, sodass jeder Tore schießen kann. Es ist nicht mehr so, dass wir auf einzelne Spieler angewiesen sind, wie in den Jahren davor. In jeder Reihe, egal wer da ist, können wir das Spiel entscheiden“, meint Herm, der von einer guten Teamchemie gehört hat. Für die kommenden Aufgaben bei den Passau Black Hawks (Freitag, 19.30 Uhr) und gegen die Lindau Islanders (Sonntag, 17.30 Uhr) ist er optimistisch: „Ich bin davon fest überzeugt, dass da wieder gepunktet wird und dass wir dann wieder auf einem besseren Tabellenplatz sein werden.“
Einen Text über Rebelsneuzugang Vincent Schlenker lest ihr hier.
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