„Das wird irgendwann unglaubwürdig“: Florian Strobl über sein drittes Karriereende als Spieler

Florian Strobl ESC Geretsried

Florian Strobl hat ESC Geretsried die Freude am Eishockey wiedergefunden. Foto: Neal Cheasermann

Florian Strobl spielte zehn Jahre für die Tölzer Löwen. Beim ESC Geretsried verkündete er jüngst zum dritten Mal das Ende seiner Spielerkarriere. Der 36-Jährige spricht im Interview mit „Logbuch Sport“ über entscheidenden Treffer im Oberliga-Finale 2012, die Hintergründe seines Löwen-Abschieds 2019 und seine neue Aufgabe als Jugendtrainer beim ESC Geretsried.

Herr Strobl, können Sie sich noch an den 13. April 2012 erinnern?

Florian Strobl: Ja, schon. Das war in Duisburg, oder? (schmunzelt)

Ja, Sie haben in der Verlängerung des Oberliga-Finals in der Overtime den entscheidenden Treffer erzielt.

Florian Strobl:  Das war schon ein schöner Moment, dieses Tor zu schießen und die Meisterschaft zu holen. Ich kann mich noch an das ganze Spiel sehr gut erinnern, auch an die anderen Tore, die die anderen Jungs geschossen haben. Die ganze Serie war ein brutaler Kampf. Ich habe in der Overtime die Scheibe ganz gut auf den Schläger gekriegt. Nach einem Schuss von Peter Lindlbauer von der blauen Linie bin ich gut gestanden und habe einen Nachschuss gekriegt. Ich habe dann nur noch schießen müssen. Aber natürlich war das einer der schönsten Momente meiner Laufbahn, gerade mit dieser Mannschaft damals. Das war eine rein deutsche Truppe, die beinahe nur aus Spielern aus dem Tölzer Nachwuchs bestand. Yanick Dube, der uns damals angeführt hat, war ja auch schon Deutscher. Ansonsten waren wir alles junge, deutsche Spieler, die teilweise immer noch sehr hochklassig spielen wie Leo Pföderl oder Yasin Ehliz. Wir waren damals schon sehr gut aufgestellt.

Eine Mischung aus Zusammenhalt und Unbekümmertheit war also aus ihrer Sicht entscheidend für die Meisterschaft?

Florian Strobl: Der entscheidende Faktor war, dass wir schon im dritten oder vierten Jahr mit dieser Mannschaft in der Oberliga gespielt haben unter Flocko Funk, der uns trainiert hat. Über die Zeit, in der der Kader mehr oder weniger gleich geblieben ist, konnten wir uns alle weiterentwickeln und zusammenwachsen, dadurch war das möglich. Wir hatten einen enormen Biss, keiner hat aufgegeben, jeder hat für den anderen bis aufs Blut gekämpft. Wir waren auf dem Papier nicht die stärkste Mannschaft. Wir waren noch jung und relativ grün hinter den Ohren, aber der Kader und der Wille, den wir hatten, war schon enorm. Von jedem Einzelnen.

Sie kamen 2004 aus Geretsried nach Bad Tölz, wurden in der Saison 2007/08 von Trainer Axel Kammerer in die erste Mannschaft hochgezogen. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Anfänge in Bad Tölz?

Florian Strobl: Ich weiß gar nicht mehr, wie der Kontakt zustande gekommen ist, aber Flocko Funk war damals in Bad Tölz bei den Schülern Trainer. Die Schüler haben in der Schüler-Bundesliga gespielt, in der höchsten Nachwuchsklasse. Es ging für mich darum, entweder nach Bad Tölz zu gehen oder in Geretsried zu bleiben.  Pascal Sternkopf und ich haben dann die Entscheidung getroffen, nach Bad Tölz zu gehen, um in unserer Altersklasse höher zu spielen. Wir sind dann auch direkt im ersten Jahr mit Flocko Funk deutscher Schülermeister geworden. Ich habe Glück gehabt, dass ich immer gute Trainer hatte. Flocko Funk bei den Schülern war super, dann Rick Boehm  während der ganzen DNL-Zeit. Man hat eine super Ausbildung genießen können. Dann hat mich der Axel 2007 aufgrund von Verletzungen im Sommer hochgezogen. Mein erstes Spiel war ein Vorbereitungsspiel in Garmisch, gleich ein Derby. Daran kann ich mich auch noch gut erinnern. Da bin ich über den Haufen gefahren worden und habe mir das ganze Spiel über gedacht, dass irgendetwas brennt. Dann habe ich einen komischen Geruch in der Nase gehabt. Der Gegenspieler hat schon gut eingeschlagen. Aber genau, ich bin in Bad Tölz gut gefördert worden und hatte Glück, die richtigen Trainer zu haben, die auch auf die Jungen gesetzt, sie gefördert und weitergebildet haben.

Ihr ehemaliger Mitspieler Florian „Floppo“ Zeller spricht von Streichen, die Axel Kammerer gespielt worden sein sollen.  Können Sie sich auch noch an einen erinnern?

Florian Strobl: Ich habe zwar auch noch mit „Floppo“ Zeller zusammengespielt, war damals aber noch richtig jung. Ich war da nicht dabei. Das hätte ich als junger Spieler nicht gebracht. Ich habe das nicht mitbekommen, aber es kann schon sein, dass die älteren oder erfahrenen Spieler den ein oder anderen Streich gemacht haben, wobei der Axel da auch ein cooler Typ und nicht nachtragend ist.

Zeller berichtet auch davon, aufgrund der Insolvenz 2009 auf ein Entgegenkommen seiner Mieter angewiesen gewesen zu sein. Wie haben Sie die damalige Situation erlebt?

Florian Strobl: Für mich war das ziemlich heftig. Es war mein erstes Profijahr. Ich hatte einen Profivertrag, habe vor der Saison mit meinen Eltern besprochen, dass ich ein Jahr erstmal hauptsächlich als Profi spielen möchte. Nebenbei habe ich an zwei Tagen Vormittags im Lager bei der Firma Agrobs in Degerndorf im Lager gearbeitet. Ab November gab es kein Geld mehr, dann sind die ersten Spieler relativ kurzfristig wieder nach Hause gereist. Wir haben die Saison mit den ganzen jungen Spielern noch fertig gespielt. Wir durften nicht Playoffs spielen, mussten die Vorrunde aber beenden. Das haben wir mit einer Juniorenmannschaft sozusagen gemacht. Ich kann mich auch noch gut erinnern, dass Flo Kolacny in Heilbronn die Schläger abgebrochen sind und er nicht mehr spielen konnte. Er hat dann einen Schläger von Heilbronn bekommen, damit er weiterspielen konnte. Da wurde uns dann schon auch von den anderen Vereinen geholfen. Sie haben uns ja auch den Bus bezahlt, teilweise, glaube ich. Für mich war das Problem, dass die jungen Spieler auch noch im Juniorenbereich gespielt haben. Ich habe mich bei den Junioren schwer verletzt und mir das Handgelenk kompliziert gebrochen. Das war während der Insolvenz und hat sich lange gezogen, weil es – da ich Profi war – ein berufsgenossenschaftlicher Unfall war. Ein Arbeitsunfall sozusagen. Die BG hat das aber abgelehnt, weil Beiträge ausstanden. Das hat lange gedauert, bis alles geklärt war. Ich habe außerdem ein Auto gehabt, das ich abgeben musste. Ich bin operiert worden und habe kein Geld mehr bekommen. Man muss aber trotzdem zur Reha kommen mit dem Auto. Da muss ich mich ganz groß nochmal bei meinen Eltern bedanken, die mich unterstützt haben und mich zum Beispiel zur Reha gefahren haben, mich wieder abgeholt und mich unterstützt haben, so dass es weitergehen konnte. Ich habe ja noch zu Hause gewohnt, habe also keine Miete zahlen müssen, aber trotzdem hat man natürlich auch von den anderen Spielern mitbekommen, dass es schwierig wird, wenn Gehälter ausbleiben. Das hat jeder Spieler gemerkt.

Nachdem sich der Verein wieder stabilisiert hatte, gelang 2017 der Aufstieg aus der Oberliga in die DEL2. 2019 haben Sie den Verein aus beruflichen Gründen dann aber verlassen, um zurück zum ESC Geretsried zu wechseln. Wie hat sich die Situation damals aus Ihrer Sicht dargestellt??

Florian Strobl: Tilburg durfte nicht aufsteigen, deswegen wussten wir schon vor dem Finale, dass wir aufsteigen. Wir haben das Finale dann leider verloren, sind dann aber trotzdem hoch in die zweite Liga. Seit 2009 war ich ja voll berufstätig . Ich habe eineinhalb Jahre als Geselle als Industriemechaniker gearbeitet und bin dann auf die Technikerschule gegangen. Danach habe ich wieder Vollzeit gearbeitet. Eigentlich war ich voll berufstätig. Dann sind wir in die zweite Liga aufgestiegen. Ich hatte das Glück, dass mein Arbeitgeber eingewilligt hatte, dass ich meine Stunden reduzieren konnte auf 80 Prozent. Ich hatte entweder Freitag oder Montag frei, je nachdem wie die Auswärtsspiele gefallen sind. Ich habe ja dann noch zwei Jahre in der zweiten Liga gespielt bis 2019. Dann hat sich 2018, 2019 schon angedeutet, dass es mit dem Verein nicht mehr passt. Ab der zweiten Liga eigentlich. Beim Verein hat sich alles ein bisschen verändert, sie wollten auf den Profisport setzen. Sie haben aber meines Erachtens ihre eigenen Spieler nicht als Profis behandelt. Sie haben es verlangt, es aber nicht ausgleichen wollen. So hat es sich abgezeichnet, dass es für mich nicht mehr so lange weitergehen wird in dem Verein. Ich bin dann auch Vater geworden. Dann mussten wir eine Entscheidung treffen, weil ich irgendetwas weniger machen musste. Beruf oder Eishockey. Irgendetwas musste ich reduzieren, weil ich mehr Zeit für meine Familie haben wollte. Im Endeffekt ist die Entscheidung dann aufs Eishockey gefallen, weil der Beruf dann doch die sicherere Variante für mich war.

Was genau heißt „nicht ausgleichen“?

Wie gesagt: Ich wollte aufgrund der Geburt meines ersten Sohnes entweder im Beruf oder beim Eishockey weniger machen. Wir konnten uns nicht auf einen Profivertrag einigen.

Dein ehemaliger Teamkollege Christoph Fischhaber hat nach seinem Karriereende jüngst gesagt, dass ihm das Feuer ein Stück weit abhandengekommen sei. Ging es dir in der Endphase in Bad Tölz ähnlich?

Florian Strobl: Natürlich war es in den letzten Jahren in Bad Tölz in der zweiten Liga so, dass der Druck doppelt so hoch war. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass wir die ersten sieben Spiele in der zweiten Liga verloren hatten, mit einer schwachen Zweitligamannschaft. Man hat nicht erwarten müssen, dass wir direkt oben mitspielen. Aber dann kam halt der Druck. Der Spaß rückt in den Hintergrund. Zu Oberligazeiten haben wir auch Spiele verloren, aber jeder hat gewusst, dass wir eine gute Mannschaft sind. Die zweite Liga war damals ein bisschen zu hart, für die Mannschaft, die wir hatten. Wir haben in den beiden Zweitligajahren, in denen ich noch dort war, immer ums Überleben gekämpft. Das ist etwas anderes, als wie wenn man eine Klasse weiter unten oben mitspielt. Es ist klar, dass das mehr Spaß macht. Das zehrt schon an den Kräften und an der Lust.

Haben Sie diese Lust nach Ihrem Wechsel zurück nach Geretsried in die Bayernliga wiedergefunden?

Florian Strobl: Ja, schon. Ich musste aber auch erst einmal lernen, mich dort in der Liga zurechtzufinden, weil es schon ein anderes Eishockey ist. Vom Tempo her ist es klar anders, die Verteidiger bewegen sich anders, sie reagieren anders. Das dauert eine Zeit, sich dort zurechtzufinden. Aber dann habe ich schon wieder Spaß am Eishockey gefunden. Darum ging es mir auch, als ich nach Geretsried gegangen bin. Es ging darum, dass ich wieder gerne Eishockey spielen gehe und es nicht als Arbeit ansehe.

Nun haben Sie aber auch dort erneut Ihren Rücktritt bekannt gegeben. Wieso?

Florian Strobl: Ich habe ja jetzt eigentlich schon das dritte Mal aufgehört (lacht). Ich habe zweimal wieder angefangen. Im Sommer 2023 habe ich schonmal aufgehört. Und 2022 bin ich nochmal Papa geworden und habe meinen zweiten Sohn bekommen. Ein Jahr lang habe ich gespielt, dann war meine Frau viel alleine daheim. Die Bayernliga ist nicht zu vergleichen mit der zweiten Liga, weil die Auswärtsfahrten nicht so weit sind, aber man hat trotzdem zwei Spiele und dreimal Training pro Woche. Also sind fünf Tage dahin. Montag ist der einzige eishockeyfreie Tag unter der Woche. Man ist nur am Montagabend und am Samstag zu Hause. Somit kann man seine Frau nicht viel unterstützen. Das war der Hauptgrund. Dass sich die Prioritäten in meinem Leben wieder verschoben haben. Ich will mehr für meine Familie da sein. Das Eishockey muss daran glauben oder muss halt weniger werden.

Ihre künftige Tätigkeit als U9-Trainer beim ESC Geretsried nimmt bestimmt weniger Zeit in Anspruch als die Tätigkeit als Spieler, dennoch scheinen Sie sich dem Eishockey nicht ganz abwenden zu können. Warum?

Florian Strobl: Ich habe 2023 aufgehört, wieder angefangen, dann wieder aufgehört und letztes Jahr ist mein großer Sohn in die U7 gekommen. Ich habe letztes Jahr die U7 übernommen. Eigentlich will man ja dann weniger machen, wenn man mit dem Eishockey aufhört. Aber die U7 hat dreimal Training in der Woche und ein Turnier. Und dann habe ich doch wieder mit dem Spielen angefangen und war noch mehr im Eisstadion (schmunzelt). Mein Sohn kommt jetzt in die U9 hoch und ich gehe jetzt mit ihm in die U9. Das macht aber sehr viel Spaß, mit den Kids zu arbeiten. Das ist etwas ganz anderes, als selbst zu spielen, weil man erstmal reinkommen muss. Jedes Kind ist anders. Jedes Kind hat einen anderen Charakter. Man muss lernen, wie man mit dem jeweiligen Kind umgeht, um ihnen das Eishockey bestmöglich zu erklären. Es gibt kein Lehrbuch. Da wächst man auch an den Aufgaben. Mir macht das sehr viel Spaß. Ich verbringe dadurch auch sehr viel Zeit mit meinem großen Sohn. Auch bei der U9 bin ich viermal in der Woche, aber es ist etwas anderes, weil ich die Zeit mit meinem Sohn verbringe und meine Frau ist mit dem Kleinen meistens auch im Eisstadion. Das ist schon auch so ein bisschen Familienzeit (schmunzelt).

Wenn wir schon beim Thema Nachwuchs sind. Die ehemalige Nationalspielerin Ronja Jenike, die aktuell für den DEB an der Entwicklung des deutschen Frauen-Eishockeys mitarbeitet, hat im Gespräch mit „Logbuch Sport“ über die Probleme des deutschen Eishockeys gesprochen. Am Nachwuchs mangele es nicht, sondern eher an Eiszeiten. Nehmen Sie das auch so wahr?

Florian Strobl: In Geretsried ist die Situation sehr gut. Die U9 hat dreimal Eis in der Woche. Aber ja, es ist schon knackig. Wir hatten letztes Jahr mit der U7 und mit der U9 zweimal in der Woche zusammen Training. Da waren bei der U9 40 Kinder und bei der U7 30 Kinder auf dem Eis. Und bei jeder Mannschaft sind zwei, drei Trainer. Das ist dann schon ein Lärmpegel. Das ist natürlich auch stressig für die Kids. Es wäre natürlich schon besser für die Kids, wenn man das ganze Eis zur Verfügung hätte, weil man dann auch die Stationen besser aufbauen kann und sie mehr Platz haben. Aber mit den Möglichkeiten, die wir in Geretsried haben, versuchen wir, das Beste für den Nachwuchs herauszuholen. Eine zweite Eisfläche wäre aber schon ganz cool (lacht).

Die wird es aber nicht geben.

Florian Strobl: Nee, wahrscheinlich nicht.

Um dieses Thema jetzt endgültig abzuschließen: Ein weiteres Comeback als Spieler können Sie ausschließen, oder?

Florian Strobl: Ja, ich denke schon. Das wird irgendwann unglaubwürdig. Meine Frau zeigt mir dann auch bald einen Vogel.

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